(Wappen) Siebenbuerger Sachsen in Baden-Württemberg (Wappen)
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18. Naturwissenschaft und Technik

Hans Barth

Die kulturhistorische Leistung der Siebenbürger Sachsen kann man erst dann in ihrem vollen Umfang erkennen und bewerten, wenn man ihre schöpferischen Beiträge auch auf den Feldern der Natur- und Ingenieurwissenschaften kennt. Die Namen Honterus und Oberth stehen hierbei nicht nur als zeitliche Eckpfeiler, sondern zugleich auch als Symbole für die beiden Wirkungsrichtungen, die diese Leistungen kennzeichnen, nämlich die als Vermittler und Schöpfer von wissenschaftlichen und technischen Neuwerten. Im Verhältnis zur kleinen Gruppe der Siebenbürger Sachsen sind aus ihren Reihen verhältnismäßig erstaunlich viele Naturforscher, Erfinder und Ingenieurwissenschaftler hervorgegangen, die herausragende Leistungen vollbrachten.

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18.1 Die "kulturelle Heimat" als Quelle

Wenn die Siebenbürger Sachsen auch auf diesen Feldern ihren andersnationalen Mitbürgern in Siebenbürgern stets einen guten Schritt voraus waren, so ist dies allein damit zu erklären, dass sie von der westlichen Kultur und Zivilisation nie abgeschnitten lebten. Ihre geografische Heimat lag zwar in Siebenbürgen, ihre kulturelle Heimat aber, für deren Erhalt die Sachsen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kräften kämpften, war und blieb stets der deutschsprachige Kulturraum. Und diese kulturelle Heimat war denn auch stets die Quelle ihrer zivilisatorischen und schöpferischen Leistungen. Siebenbürger Sachsen studierten in Berlin und München, Heidelberg und Göttingen, Wien, Basel usw. und promovierten bei Liebig, Haeckel, Billroth, Planck und anderen wissenschaftlichen Persönlichkeiten jener Zeit. Nach Siebenbürgen zurückgekehrt, versuchten sie ihr Wissen weiterzugeben, es in die Praxis umzusetzen oder neue Werte zu schaffen. Viele von ihnen gingen auch ins Ausland und erlangten dort hohes Ansehen. Und noch etwas ganz Wesentliches gehörte zu diesem Bezugssystem: Die siebenbürgisch-sächsischen Forscher und Wissenschaftler, seit jeher im Geiste von Toleranz und Demokratie erzogen, stellten ihre wissenschaftlichen Kenntnisse und Erkenntnisse in den Dienst aller in Siebenbürgen lebenden Nationalitäten und leisteten damit echte Schrittmacherdienste für das gesamte Heimatgebiet. Nicolae Iorgas Feststellung: "Hätte es die Siebenbürger Sachsen nicht gegeben, man hätte sie erfinden müssen" trifft daher nicht zuletzt auch auf Naturforschung und Technik zu, denn auch auf diesen Feldern haben Siebenbürger Sachsen Beachtliches geleistet.

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18.2 Naturwissenschaftliche Beiträge

Die ersten Schriften mit naturwissenschaftlichem Inhalt, die in Siebenbürgen erscheinen, gehen noch auf den Universalgelehrten Johannes Honterus zurück. Von seiner 1530 zuerst in Krakau veröffentlichten Kosmographie sind über einen Zeitraum von sieben Jahrzehnten insgesamt 40 Ausgaben erschienen und das in allen wichtigen Kulturzentren jener Zeit. Das vierte Buch aus der endgültigen Fassung von 1542 stellte eine Art Enzyklopädie des naturwissenschaftlichen Wissens dar und wurde 1692, also noch nach 150 Jahren, in Leipzig nachgedruckt. Honterus ist damit nicht nur für die Geschichte der Naturwissenschaften in Siebenbürgen, sondern dank der Verbreitung seiner Schriften in ganz Mitteleuropa auch für die wissenschaftliche Literatur Europas von Bedeutung.

Eine Leistung von universaler Bedeutung für die Naturwissenschaften erbrachte auch der aus Kronstadt stammende und in Chemnitz und Leipzig lehrende Johann Hedwig (1730-1799). Seine Entdeckungen und herausragenden Veröffentlichungen machten den Botaniker und Goethe-Freund Hedwig zu einem der bedeutendsten Naturforscher des 18. Jahrhunderts. Hedwigs Verdienste um die Begründung der modernen Mooskunde brachten ihm den ehrenvollen Beinamen Liné der Moose ein.

In Siebenbürgen war es vor allem Johann Ch. G. Baumgarten (1765-1843), der mit seinem vierbändigen Werk über die dortige Pflanzenwelt die Grundlagen zur weiteren Erforschung dieses Landesgebiets schuf. Seine Arbeit wird von eifrigen Vertretern dieser Fachrichtung, wie M. G. Agnethler, P. Sigerus, M. Neustädter, J. v. Lerchenfeld, M. Fuss, F. Schur usw. erfolgreich weitergeführt. Nach der Gründung des Siebenbürgischen Vereins für Naturwissenschaften in Hermannstadt (1849) wird diese Forschung zielgerichtet weiter betrieben. Carl Fuss (1814-1874) begründet die wissenschaftliche Insektenkunde Siebenbürgens, die durch Eduard Albert Bielz (1827-98), Friedrich Deubel (1845-1933), Karl Petri (1852-1932) und viele andere Biologen eine wahre Blütezeit erlebt. Auch die ersten Höhenmessungen und meteorologischen Forschungen gehen auf einen Siebenbürger Sachsen namens Ludwig Reissenberger (1819-1895) zurück, der bei Hermannstadt die erste Wetterstation Südosteuropas einrichtet. Viele sächsische Naturwissenschaftler, darunter Carl Friedrich Jikeli, Julius Römer, Alfred Kamner, Karl Petri, Arnold Müller, Heinrich Röhr, hatten in Jena bei Ernst Haeckel, dem Begründer der Ökologie, studiert und setzten sich als Vertreter dieser Schule zu Hause für die Evolutionstheorie ein. Nicht zufällig gehen daher auch die Anfänge des Umweltschutzes in Siebenbürgen auf einen Haeckel-Schüler, nämlich Julius Römer, zurück, der für die Schonung der Pflanzen- und Tierwelt im Karpatenbogen eintritt und bereits 1908 den Entwurf eines Naturschutzgesetzes ausarbeitet.

Sächsische Forscher und Gelehrte machen sich aber auch außerhalb Siebenbürgens verdient, etwa der Kronstädter Johann Martin Honigberger (1795-1869), der bis nach Indien und von dort bis zum Fuße des Himalaya gelangt, wo er seltene Pflanzen sammelt und ein medizinisch-botanisches Wörterbuch in zwölf Sprachen verfasst. Honigbergers größte Leistung war übrigens nicht die Biologie, sondern die Medizin. 1816 war der Kronstäder Apotheker zu seiner ersten Weltreise aufgebrochen, die ihn an den Hof der indischen Könige in Lahore brachte, wo er über viele Jahre als Leibarzt und Hofapotheker wirkte. In Lahore und später auch in Kalkutta errichtete Honigberger aus eigenen Mitteln die ersten Armenkrankenhäuser, wo er mittellose Menschen kostenfrei behandelte und das bereits ein ganzes Jahrhundert vor dem Urwalddoktor Albert Schweitzer. Die von Honigberger entwickelte Heilmethode gegen Pest und Cholera weist ihn als Vorläufer der modernen, von Pasteur und Robert Koch begründeten Bakteriologie aus. In der Medizingeschichte wird Honigberger zudem als Begründer der indischen Medizinliteratur gewürdigt.

Zurück zur Naturfoschung: Der Kronstädter Friedrich Bayern (1817-1886) durchwandert die Krim und den Kaukasus und legt mit seinen botanischen, zoologischen und mineralogischen Sammlungen den Grundstein zur Errichtung des berühmten Kaukasischen Museums in Tiblissi. Nicht minder erfolgreich war auch der aus Mühlbach stammende Afrikareisende Karl Franz Binder (1820-1886); auf seinen Nilfahrten dringt er bis an den afrikanischen Äquator vor und bringt von dort wertvolle Sammlungen nach Europa und in seine Heimat mit. Der Hermannstädter Kaufmannssohn Carl Friedrich Jickeli beschreibt die Fauna Nord-Ost-Afrikas und leistet durch die Entdeckung von 49 bis dahin unbekannten Weichtierarten einen wesentlichen Beitrag zur Kenntnis der afrikanischen Tierwelt. Arnold Müller (1884-1934) führen weiträumige Forschungsreisen nach Syrien, Palästina und Ägypten sowie in die französischen Pyrenäen und in die Türkei, wo er eine Vielzahl von neuen Insektenarten entdeckt. Der Hermannstäder Arzt Arthur von Sachsenheim bereist die Küste von Spitzbergen im nördlichen Eismeer, wo er seltene Pflanzen und Tierarten sammelt. Nicht unerwähnt bleiben soll schließlich auch der Name des Joseph Müller von Reichenstein (1740-1825), der 1783 das Element Tellur entdeckte, eine Leistung, für die heutzutage ein Nobelpreis verliehen würde.

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18.3 Der Weg zu den Sternen

Hermann Oberth
Hermann Oberths Erstlingwerk 'Die Rakete zu den Planetenräumen' (1923), mit dem, nach den Worten Wernher von Brauns, 'das Raumzeitalter eingeläutet wurde'
       

Mit Beginn der ersten industriellen Revolution, als in Physik, Chemie, Maschinenbau, Elektrotechnik, Fernmeldewesen und Verkehrstechnik umwälzende Erfindungen zum Tragen kommen, wenden sich zunehmend auch siebenbürgisch-deutsche Studenten den Ingenieurwissenschaften zu und nicht wenige von ihnen erzielen auf diesen Gebieten nachhaltige Erfolge.

Der am Polytechnischen Institut in Wien lehrende Paul Traugott Meißner (1778-1864) z. B. entwickelt ein neues System der technischen Chemie, das zahlreiche neue Erfindungen und Verbesserungen in der Anwendung ermöglicht. Auch im Bereich der Thermodynamik arbeitet der aus Kronstadt stammende Gelehrte erfolgreich: Vom ihm stammt das heute allgemein bekannte Fernheizsystem mit einer ersten bahnbrechenden Anwendung zur Beheizung der Eisenbahnwagen. Der in Mediasch geborene Chemiker Friedrich Folberth (1833-1895), der bei Justus Liebig, dem Begründer der Agrarchemie, promovierte, verbreitet in Siebenbürgen wissenschaftlich fundierte Düngemethoden und entdeckt in der Umgebung von Mediasch die ersten Erdgasvorkommen.

Auf dem Gebiet der Feinchemie gelingt es dem Bistritzer Gustav Adolf Raupenstrauch (1859-1943), das zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten wirksame Lysol herzustellen, worauf er 1890 in Hamburg die erste Lysolfabrik gründet. Ein weiterer technischer Bereich, in dem ein Siebenbürger Sachse Weltruf erlangt, ist der medizinische Gerätebau. 1900 baut Rudolf Eisenmengen (1871-1946) seinen in zahlreichen Ländern patentierten Biomotor, den ersten Apparat zur künstlichen Beatmung und Vorläufer der heutigen künstlichen Lunge. Die Beschreibung eines Geräts für die künstliche Blutzirkulation und Herzmassage sowie die eines Wiederbelebungsapparates begründen schließlich Eisenmengens Ruf auf diesem Fachgebiet.

Und, was wir schließlich alle wissen: Auch der Weg zu den Sternen beginnt in Siebenbürgen. Bereits 1529 beschreibt der Hermannstäder Zeugmeister Conrad Haas das Prinzip der Stufenrakete, nach dem heute Satelliten und Menschen in den Weltraum geflogen werden. Doch davon konnte der Schässburger Gymnasialschüler Hermann Oberth (1894-1989) nichts wissen, als er 1912 seine eigene Stufenrakete entwirft und die Grundformel für den Flug in den Weltraum ableitet, wurden doch Haas-Schriften erst 1969, im Jahr der ersten Mondlandung, im Hermannstädter Staatsarchiv entdeckt. Das war sogar gut so, denn die alten Entwürfe des Hermannstädter Raketenpioniers, die auf purem Empirismus beruhten, hätten Oberth nur irreführen können. Die weltraumtüchtige Rakete musste nämlich neu erfunden werden, und zwar auf streng wissenschaftlicher Basis, aufgrund physikalischer Gesetze und mathematischer Berechnungen. Als Student in Göttingen und Heidelberg erarbeitet Hermann Oberth die technisch-wissenschaftlichen Grundlagen der heutigen Raumfahrttechnik, die er in seinem Erstlingswerk "Die Rakete zu den Planetenräumen" zusammenfasst und 1923 auf eigene Kosten veröffentlicht, nachdem sie von der Universität Heidelberg als Doktorarbeit abgelehnt worden war. Als Professor am Stephan-Ludwig-Roth-Gymnasium in Mediasch erweitert Oberth diese Arbeit zu seinem Hautpwerk "Wege zur Raumschifffahrt", das 1929 erscheint und als "die Bibel der wissenschaftlichen Astronautik" in die Fachliteratur eingeht. Ich kenne kaum noch ein zweites Buch wissenschaftlichen Inhalts, dessen Einfluss und Wirkung so gewaltig und nachhaltig gewesen wäre wie die des Erstlingswerk des siebenbürgisch-deutschen Raumfahrtpioniers. Sucht man Vergleichbares in der wissenschaftlichen Literatur, so fallen einem wohl am ehesten die Namen Kopernikus und Darwin ein. Beide leisteten Bahnbrechendes für die menschliche Erkenntnis, ihre Werke veränderten alte Weltbilder, die die Menschen von dem sie umgebenden Kosmos bzw. von sich selbst hatten. Oberth leistete mit diesem Buch Ebenbürtiges: Die Beweisführung, dass man die Anziehungskraft der Erde überwinden und damit den Heimatplaneten verlassen kann, um neue Existenzsphären zu erschließen, erachte ich als eine gleichrangige erkenntnistheoretische Leistung. Bei Oberth kommen aber auch noch weitere Wirkungskomponenten hinzu: Die von ihm begründete Raumfahrt bereichert nicht allein die Welt der Erkenntnis, sie verändert zudem auch unsere wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Welt.

Hermann Oberths Prioritäten auf dem Gebiet der Raketentechnik und wissenschaftlichen Astronautik sind äußerst zahlreich. Ein Versuch, auch nur das Wichtigste hier aufzählen zu wollen, würde den Rahmen dieses Buches sprengen und den Laien überfordern. Denn Hermann Oberth war der erste um Wernher von Braun zu zitieren, "der in Verbindung mit dem Gedanken einer wirklichen Weltraumfahrt zum Rechenschieber griff und zahlenmäßig durchgerechnete Konzepte und Konstruktionsvorschläge vorlegte". Raumfahrthistoriker haben insgesamt 95 oberthsche Lösungsvorschläge ermittelt, die beim Bau der weltersten Großrakete zur Anwendung gelangten. Über 200 Formeln und mathematisch-physikalische Beziehungen, die er als erster erarbeitete, und über 100 weitere Ideen, Erfindungen, Konzepte und Anwendungsmöglichkeiten, die Oberth erstmals formulierte, konnten unterdessen in der Praxis erkannt werden. Auf die Frage, wer wohl der größere sei, der Wissenschaftler Hermann Oberth oder der Konstrukteur Wernher von Braun, antwortete von Braun in einem Fernsehinterview 1963: "Wir waren immer nur die Klempner. Hermann Oberth war derjenige Schöpfer, der uns allen zwanzig Jahre vorauseilte. Hermann Oberth ist uns allen um ganze zwanzig Jahre überlegen."

Hermann Oberth
Hermann Oberth und sein Meisterschüler Wernher von Braun bei einem Fernsehinterview für den SWR (1963), Moderator: Ernst von Khuon
       

Zugleich war Oberth aber auch der erste unter den großen Wegbereitern der Weltraumtechnik, der nicht allein die technisch-wissenschaftlichen Aspekte des Problems erörterte, sondern gleichzeitig auch die Frage "Wozu Weltraumfahrt?" beantwortete. Oberth erkannte folgerichtig die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Wirkungskomponenten des Raumzeitalters, das der Menschheit eine neue Dimension des Wirkens und Schaffens eröffnet, einen Weg zur Überwindung der Grenzen, die durch den endlichen Charakter des irdischen Existenzraums gegeben sind. Eine nähere Betrachtung der unzähligen Nutzanwendungen, die er schon in seinen beiden Frühwerken vorschlägt, zeigt eindeutig, dass Oberth an alle Grundpfeiler jeder höheren Zivilisation gedacht hatte: Information, Energie, Rohstoffe, Ökologie, Produktion und höhere Lebensqualität. Der wohl erfolgreichste Oberth-Schüler und Schöpfer der amerikanischen Mondrakete "Saturn V" hat die außergewöhnliche Tragweite der oberthschen Leistung mit den Worten umrissen:

"Jede große Idee bedarf eines Propheten, dem die schwierige Aufgabe zukommt, Bahnbrecher zu sein und den Weg zu ihrer Anerkennung und Verwirklichung zu eröffnen. Und jede neue wissenschaftliche Erkenntnis bedarf eines Lehrers, der in präzisen Worten ihre Grundlagen und Voraussetzungen sowie ihre Bedeutung und Anwendungsmöglichkeiten formulieren kann.

Hermann Oberth
Nach dem erfolgreichen Erstflug der amerikanischen Mondrakete Saturn V widmete Wernher von Braun seinem Lehrer und Mentor Oberth dieses Bild.
       

Professor Oberth ist für die Weltraumtechnik Prophet und Lehrer zugleich gewesen. Er brauchte keine kostspieligen Laboratorien und Milliarden verschlingende Versuchsanlagen. Mit der genialen Schöpferkraft seines erstaunlichen Geistes allein schuf er das Fundament für eine neue gewaltige Industrie."

Unter dem Eindruck der erfolgreichen Mondlandungen der amerikanischen Astronauten schrieb der namhafte US-Historiker Arthur Schlesinger: "Wenn Historiker dereinst auf das 20. Jahrhundert zurückschauen, dann wird alles andere vergessen sein, nur eines nicht: Es war das Jahrhundert, in dem der Mensch zum ersten Mal seine irdischen Fesseln sprengte und mit der Erforschung des Weltalls begann." Dem bliebe nur noch hinzuzufügen: Dazu hat der Siebenbürgendeutsche Hermann Oberth die Grundlagen und Voraussetzungen geschaffen!

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18.4 Informationstechnik und Mikroelektronik

Aber auch in der Generation nach Hermann Oberth haben wir Physiker, Ingenieurwissenschaftler und Erfinder zu verzeichnen, die auf unterschiedlichen Fachgebieten Beachtliches geleistet haben. Freilich, über alle kann hier nicht ausführlich berichtet werden; ich werde mich daher auf einige herausragende Beispiele beschränken müssen und weitere Namen dann nur noch ganz kurz erwähnen.

Prof. Dr. Otto Gert Folberth, Sohn des Kulturhistorikers und Stephan-Ludwig-Roth-Biografen Otto Folberth, ist einer von ihnen. Der am 28. November 1924 in Mediasch geborene Physiker brachte es bis zum Direktor für Wissenschaft und Forschung beim weltgrößten Computerhersteller IBM, der in Deutschland, im Raum Stuttgart, seine größte europäische Niederlassung betreibt. Die heute weltweit verbreiteten Leuchtdioden, die in jedem modernen Gerät, ob Radio, Videorekorder oder Kühlschrank den Betrieb signalisieren, sind eine seiner zahlreichen Erfindungen im Bereich der Mikroelektronik. Der Aufbau der Forschungslaboratorien des amerikanischen Computerriesen in Böblingen und dessen Halbleiterwerk in Sindelfingen sind eng mit dem Namen Folberth verbunden. 1968 erhielt er zudem einen Lehrauftrag an der Universität Stuttgart, wo er eine ganze Generation von Physikern und Ingenieuren in die Technologie hochintegrierter Halbleiterschaltungen einführte. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Publikationen über grundlegende Themen der Mikroelektronik, die Basisinnovation der Informationstechnik, die unsere heutige Welt so atemberaubend verändert. Doch nicht nur die Technologie, sondern auch die gesellschaftlichen und kulturellen Implikationen und Auswirkungen der durch die Mikroelektronik angetriebenen industriellen Revolution beschäftigten den Siebenbürger Forscher und Wissenschaftler; seine Beiträge zur Folgenabschätzung des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts bezeugen, wie intensiv ihn dessen Ambivalenz mit seinen Vor- und Nachteilen beschäftigt hat. All dies begründete auch sein hohes Ansehen und seinen Ruf in der Fachwelt, für die vor allem zwei herausragende Ehrenämter stehen: Die Deutsche Physikalische Gesellschaft wählte Professor Folberth zu ihrem Präsidenten für die Amtsperiode 1988-1990 und im März 1988 wird er in das Exekutivkomitee der Europäischen Physikalischen Gesellschaft berufen.

Der zweite Spitzenwissenschaftler aus unseren Reihen, dessen Fachgebiet ebenfalls in der Informationstechnik angesiedelt ist, ist Prof. Dr.-Ing. Hans Marko. Der 1925 in Kronstadt geborene Ingenieurwissenschaftler studierte an der TH Stuttgart, arbeitete anschließend als Entwicklungsingenieur und schließlich als Abteilungsleiter für Forschung und Entwicklung bei der Stuttgarter Traditionsfirma SEL. Im Alter von erst 31 Jahren wurde er 1962 an die Technische Universität München berufen, wo er das Institut für Nachrichtentechnik als Direktor und Lehrstuhlinhaber bis zum Jahr 1993 leiten sollte. Seinen Namen verbindet die internationale Fachwelt sowie viele Studierende der TU München mit Lehre und Forschung auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnik und hier vor allem mit Nachrichtenübertragung, Systemtheorie, Kybernetik, Bildverarbeitung, Mustererkennung und Neuronalen Netzen. Es sind dies genau jene Bereiche, die die Informationsgesellschaft, in die wir heute hineinwachsen, bestimmen. Mit etwa 120 Veröffentlichungen sowie zahlreichen Patenten leistete Hans Marko einen wesentlichen Beitrag auf zahlreichen Feldern dieser modernen Technologie, was ihm zurecht den ehrenvollen Beinamen eines "Vaters der deutschen Informationstechnik" einbrachte. Als Zeichen auch internationaler Anerkennung können seine Gastprofessuren an den Universitäten Delft, Los Angeles, Tokio, Kapstadt sowie St. Petersburg und Moskau gewertet werden. 1994 wurde Prof. Marko mit dem Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland geehrt und ein Jahr darauf auch mit dem Kulturpreis unserer Landsmannschaft. Ein Ehrendoktortitel sowie zahlreiche Mitgliedschaften und Ehrenämter in deutschen und internationalen Fachgesellschaften und Fachgremien ergänzen diese Ehrentafel. Mir ist in der Generation nach Hermann Oberth kein zweiter Wissenschaftler siebenbürgisch-sächsischer Abstammung bekannt, dessen Leistungen eine solche Themenbreite und einen solchen Bedeutungsgrad aufzuweisen hätten.

Der "Dritte im Bunde" kommt zwar aus einem eher schon traditionellen Technikbereich; seine Leistungen sind dennoch beachtenswert. Es ist dies Prof. Dr.-Ing. Karlheinz Roth, Sohn des legendären Physiklehrers an der Schässburger Bergschule Karl Roth ( genannt Fisi). Er zählt nicht nur in Deutschland zu den wissenschaftlichen Autoritäten auf dem Gebiet des modernen hochautomatisierten Maschinenbaus. Der 1919 in Schässburg Geborene leitet bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1987 das Institut für Konstruktionslehre, Maschinen- und Feinwerkelemente an der TU Braunschweig. Seine Forschungsschwerpunkte bilden drei Felder des Maschinenbaus: Zahnräder und Zahnradgetriebe, Konstruktionsmethodik sowie automatisches Konstruieren unter Anwendung des Rechners. Von großer Hilfe für die Entwicklungsarbeiten im Zeitalter des Computers waren vor allem Roths Beiträge zum letztgenannten Themenbereich: Vorher konnte man mit dem Rechner nur zeichnen, aber nicht konstruieren. In der Musik würde man vergleichsweise sagen, der Rechner kann nur Noten schreiben, aber noch nicht komponieren. Roth brachte es dem Rechner bei, wie zugleich automatisch auch kleine Konstruktionen zu erstellen sind. Das gelang ihm, indem er dazu die nötigen Algorithmen und die entsprechende Software entwickelte. Das Verfahren, besteht darin, dass der Konstrukteur eine technische Funktion vorgibt und der Rechner die nötigen Teile in mehreren Varianten automatisch entwickelt. Diese Methode sollte den gesamten Konstruktionsprozess grundlegend verändern. Etwa 170 wissenschaftliche Veröffentlichungen, darunter acht Fachbücher, sowie 15 Patente stehen für Roths außergewöhnliche Leistungen auf diesen Fachgebieten. Ehrungen blieben nicht aus, ich erwähne bloß drei: die Diesel-Medaille in Gold, die höchste Auszeichnung des Deutschen Erfinderverbandes, die Kesselring-Ehrenmedaille des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und schließlich der Kulturpreis der Siebenbürger Sachsen.

Die Reihe bedeutender Techniker könnte beliebig fortgeführt werden, beispielsweise mit Stephan Hedrich, dem "Vater" der deutschen Schnellbahn Transrapid; oder mit den Flugpionieren Albert Ziegler und Gustav Felix Stof; mit dem Erdölspezialisten Prof. Dr. Helmut Hügel, dessen Erfindergeist die Fördertechnik zahlreiche Patente verdankt; mit den Elektroingenieuren, Erfindern und Unternehmern Kuno Eisenburger und Günter K. Fronius, denen die Schweißtechnik bahnbrechende Neuentwicklungen und Gerätschaften verdankt; dem Bauingenieur Dr. Paul Folberth, der am Amazonas in Brasilien das weltgrößte Wasserkraftwerk baute, usw. Selbst aus meiner Generation und aus der Generation meines Sohnes gibt es bereits eine Vielzahl von Siebenbürger Sachsen, die sich im Bereich der Technik und der technischen Wissenschaften durch beachtliche Leistungen auszeichnen.

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18.5 Literatur

Barth, Hans, (Hrsg.), 1980: Von Honterus zu Oberth. Bedeutende siebenbürgisch-deutsche Naturwissensschaftler, Techniker und Mediziner. Bukarest.

Barth, Hans, 1991: Hermann Oberth. Begründer der Weltraumfahrt. Esslingen/München.

Barth, Hans, 1988: Wissenschaft der Siebenbürger Sachsen. In: Die Siebenbürger Sachsen in den Jahren 1848-1918. Köln.

Ehricke, K. A. 1973: Hermann Oberths vierte Prämisse und das Raumzeitalter. In: Astronautik, Nr. 3, 1973.

Honigberger, J. M.: Früchte aus dem Morgenlande, Wien 1851/1983.

Lexikon der Siebenbürger Sachsen, 1993: Innsbruck.

Marko, Hans, 1977: Methoden der Systemtheorie. Springer Verlag, Berlin/Heidelberg.

Oberth, Hermann, 1923: Die Rakete zu den Planetenräumen. Oldenbourg Verlag, München.

Oberth, Hermann: Wege zur Raumschiffahrt. München 1929; Neuauflage: Bukarest 1974; Reprint: Düsseldorf 1986.

Oberth, Hermann, 1978: Der Weltraumspiegel. Bukarest.

Trausch, J. 1870: Schriftsteller-Lexikon der Siebenbürger-Deutschen, Band 2, Kronstadt.

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