(Wappen) Siebenbuerger Sachsen in Baden-Württemberg (Wappen)
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15. Die vielen Wege in den Abschied. Die siebenbürgisch-deutsche Literatur in Rumänien (1919-1989). Ein sozialhistorischer Abriss

Peter Motzan


15.1 Die Südostverschiebung. Die siebenbürgisch-deutsche Regionalliteratur im Königreich Rumänien

Rumänische Wunschträume gingen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall Österreich-Ungarns in Erfüllung. Durch die Pariser Vorortverträge 1919-1920 wurden dem kleinen Balkanland Siebenbürgen, die Bukowina, etwa zwei Drittel des Banats und die Süddobrudscha zugesprochen, während das zu Russland gehörende Bessarabien schon im April 1918 seinen Anschluss an Rumänien erklärt hatte. Der reich beschenkte Verbündete der Ententemächte vergrößerte dank dieser Gebietserwerbungen sein Territorium um über 100% von 137.903 auf 294.967 km2 und wurde zu einem Mehrvölkerstaat mit einem Minderheitenanteil von 28,1% (davon 4,5 %, d. h. 713.600 Deutsche).

Herausgelöst aus dem österreichisch-ungarischen Staatsverband, "verschob" sich Siebenbürgen (Größe: 57.807 km2 Gesamtbevölkerung im Jahre 1925: 2.860.000 Deutsche nach der Muttersprache im Jahre 1930: 237.881) gleichsam nach Südosten, Bukarest als politisches Machtzentrum rückte aus verschwommener exotischer Ferne in greifbare Nähe, zu einer kulturellen Mitte wurde die rumänische Hauptstadt für die deutschen Minderheiten allerdings nicht.

Eine kulturgeographische Betrachtungsweise erfasst und dokumentiert auch innerhalb rumänischer Staatsgrenzen (bis 1940) in Siebenbürgen, dem Banat und der Bukowina die Existenz dreier kleiner deutschsprachiger Literaturen mit jeweils eigenen "Kulturzentren". Das geistige Leben blieb dabei jeweils regional verankert, die einzelnen Gruppen verfügten über unterschiedlich ausgebildete Organisationsformen literarischer Produktion und Distribution das Verlagswesen der Siebenbürger Sachsen beispielsweise gewährleistete den Autoren unvergleichlich bessere Publikationsmöglichkeiten als jene, über die Bukowiner und Banater Schriftsteller in ihrer Provinz verfügten. Literarische Entwicklungen verliefen in den drei Provinzen phasenverschoben, relativ autonom und nicht im gleichen Rhythmus.

Allerdings wurden die Kommunikationsbahnen nun ausgebaut. Initiativen, die vorrangig von den Siebenbürger Sachsen ausgingen, schlugen sich in der Gründung von politischen Körperschaften, Vereinen, Verbänden, Periodika nieder, die den Austausch auch mit dem Staatsvolk und die Modalitäten wechselseitiger Wahrnehmung reger als bisher gestalteten und zu koordinieren versuchten. Das 1933 gegründete Deutsche Landestheater in Rumänien mit Sitz in Hermannstadt setzte sich konsequent für die Uraufführung einheimischer Autoren ein und bespielte als Berufsbühne, die über ein Opern- und Theaterensemble verfügte, alle Gebiete Rumäniens mit deutscher Bevölkerung.

Während des Krieges und an deutschen Universitäten hatten viele der jungen siebenbürgischen Autoren mit der europäischen Moderne Bekanntschaft gemacht. Angesichts der weltweiten Veränderungen und der mitgebrachten Erfahrungen empfanden sie die vorgefundenen Lebensverhältnisse als kunstfeindlich, spießerhaft und provinziell. Anfang der zwanziger Jahre werden von Hermann Klöß (1880-1948), Egon Hajek (1888-1963), Bernhard Capesius (1889-1981) und Heinrich Zillich (1898-1988) Schreibweisen durchexerziert, die sich zwischen dekorativem Symbolismus, neuromantischem Subjektivismus und expressionistischem Menschheits- und Vitalitätspathos bewegen.

Doch schon bald nach der Verabschiedung der Landesverfassung von 1923, die Rumänien als einheitlichen und unteilbaren Nationalstaat definierte, rückte regionale Spezifik in den Frage- und Interessenhorizont, in den Mittelpunkt leidenschaftlicher Auseinandersetzungen, an denen sich gleichermaßen Politiker, Historiker und Schriftsteller beteiligten. Die wachsenden Sorgen um die Sicherung der eigenständigen Entfaltungsmöglichkeiten angesichts der minderheitenfeindlichen Maßnahmen sowie die landweit instabilen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse schürten kollektive Zukunftsängste, Gefühle der Enttäuschung und Unzufriedenheit. Sie bereiteten einen fruchtbaren Boden für die Vereinnahmungsstrategien nationalsozialistischer Ideologie, die über alle Staatsgrenzen hinweg beträchtliche Wirkungen entfaltete und die Literatur- und Kunstkonzeptionen auslanddeutscher Autoren auf unübersehbare Weise mitformte. Die stammesgeschichtlich orientierte Germanistik der dreißiger Jahre schenkte südostdeutschen Schriftstellern zunehmend Aufmerksamkeit, deren Werke wurden als Bücher "des Kampfes um Selbst- und Arterhaltung" gerühmt und instrumentalisiert, und sie erschienen in großen deutschen Verlagen und in hoher Auflage.

Die siebenbürgisch-deutsche Literatur der Zwischenkriegszeit erscheint im Rückblick als eine recht differenzierte, traditionsreiche, geradezu "exemplarische" Regionalliteratur mit dem "Grundtrieb konservierender Präokkupation (Camartin, 1992, 17) und mit einer nicht zuletzt diesem Ziele dienenden, tragfähigen "Infrastruktur".

In der Lyrik erfolgt die Hinwendung zu dem engeren, topografisch lokalisierbaren Lebensumfeld und zu historischen Stoffen gleichzeitig mit dem Rückgriff auf bewährte Gattungsarten (Landschaftspoesie, Dinggedicht, Ballade). Die Gedichte von Adolf Meschendörfer (1877-1962), Erwin Neustädter (1897-1922) und Otto Folberth (1896-1991) sind weitgehend den Gestaltungsmodalitäten eines formbewussten stilisierten Traditionalismus verpflichtet. In der Prosa dominiert die Aufarbeitung von Zeit- und Gruppengeschichte mit den Mitteln des poetischen Realismus. Der südöstliche Vielvölkerraum wird in anschaulichen Milieu- und Sittenbildern vergegenwärtigt. Die Autoren traten meist als Sachwalter und Wortführer ihrer kleinen Ethnie auf den Plan, sie redeten sozusagen aus der Mitte der Minderheit heraus mal humoristisch bis kritisch, mal aus der Sicht des engagierten Verteidigers gemeinschaftsstärkender Werte, mal in übersteigert-nationalbewussten Tönen. Davon zeugen drei Romane, die ein Kollektivschicksal in seiner Geschichtslastigkeit und in seinen gegenwärtigen Bedrohungen heraufrufen: Adolf Meschendörfer Die Stadt im Osten (1931), Erwin Wittstock (1899-1962) Bruder, nimm die Brüder mit (1933) und Heinrich Zillich Zwischen Grenzen und Zeiten (1936). Während in Zillichs dramatisch zugespitzten Novellen (Der Urlaub, 1933; Die Reinerbachmühle, 1935; Der baltische Graf, 1937) und in Erwin Neustädters durchkomponierten, tragisch umwitterten Romanen (Der Jüngling im Panzer, 1938; Mohn im Ährenfeld, 1943) immer deutlicher eine Rhetorik des Nationalen und Heroischen durchschlägt, verfeinert und bereichert Wittstock durch psychologisch fundierte Charakterstudien und symbolische Konfiguration ethnographischer Elemente (Die Freundschaft von Kockelburg, 1935; Miesken und Riesken, 1937) die siebenbürgischen Erzähltraditionen.

Schon in dem Zeitraum 1919-1944 wurden Konsistenz und Substanz des siebenbürgisch-deutschen Schrifttums durch Abgänge erheblich "geschwächt". Egon Hajek, Franz Karl Franchy (1896-1972), Heinrich Zillich u. a. verlegten ihren Wohnsitz nach Österreich bzw. Deutschland, verarbeiteten in ihren Büchern aber auch weiterhin Stoffe aus der angestammten Heimat, wirkten mit ihren Texten in die Region zurück und über diese hinaus. Georg Maurer (1907-1971) kam schon 1926 als Student nach Leipzig und wurde später zu einem bedeutenden und einflussreichen Schriftsteller der DDR.

Übersicht


15.2 Siebenbürgisch-deutsche Autoren im kommunistischen Machtbereich

Die Führung der Deutschen Volksgruppe in Rumänien, der im Herbst 1940 durch ein Dekretgesetz umfassende Sonderrechte eingeräumt worden waren, hatte sich auf Gedeih und Verderb an das nationalsozialistische Deutschland gekettet und sich in ihren Handlungsweisen den Berliner Direktiven bedingungslos unterworfen. Hineingeraten zwischen die Mühlsteine der Weltpolitik, war die Lage der deutschen Minderheiten eine fern- und fremdbestimmte geworden.

Nach dem Frontwechsel Rumäniens am 23. August 1944 folgte aufgrund der sogenannten "Kollektivschuld"-These eine Summe von Anschlägen auf die mitgegangene, mitgezwungene gesamte deutsche Bevölkerung, auch das kleine Häuflein der Antifaschisten blieb vorerst davon nicht verschont: Verhaftungen und Internierungen, Entzug der staatsbürgerlichen Rechte, Deportation von ca. 75.000 Menschen in die Sowjetunion zur "Aufbauarbeit", Sozialisierungsgesetze, die den bisherigen Lebensformen die Grundlage entzogen. Das erlittene Unrecht erstickte jedwedes Nachdenken über eigenes Fehlverhalten schon im Keim. Eine auseinandergerissene und geschrumpfte Minderheit blickte einer ungewissen Zukunft entgegen.

Die Eingliederung der deutschen Bevölkerung als gleichberechtigte Bürger in ein Gesellschaftssystem, das nach sowjetischem Vorbild und unter sowjetischer Kontrolle schrittweise aufgebaut wurde, erfolgte nach der erzwungenen Abdankung des Königs Mihai I. und der Ausrufung der Volksrepublik (30. Dezember 1947) de jure durch die neue Verfassung vom 23. April 1948 und durch Beschluss eines Plenums der Rumänischen Arbeiterpartei im Juni des gleichen Jahres. Zumindest der Unterricht in der Muttersprache an Staatsschulen nach landweit einheitlichen Lehrplänen, die auf Umerziehung im Geiste marxistisch-leninistischer Ideologie zielten, war damit gesichert.

Die dem kommunistischen Gesellschaftssystem innewohnenden Nivellierungstendenzen hatten eine Angleichung der Lebensformen und Existenzlagen zur Folge und festigten auch ein rumäniendeutsches Solidaritätsbewusstsein. Und nach 1948 wachsen die Regionalliteraturen zur rumäniendeutschen Literatur zusammen.

Was dem Begiff "rumäniendeutsche Literatur", der sich erst in den endsechziger Jahren durchsetzte, m. E. in seiner stichwortartigen Verkürzung weiteren Gebrauchswert sichert, ist die Tatsache, dass die zwischen 1949 und 1989 in Rumänien gedruckten, verbreiteten und rezipierten, in deutscher Sprache geschriebenen Werke den Teilbereich eines von Kontrollinstanzen überwachten, staatlich gelenkten und subventionierten Literaturbetriebs bildeten, der nach Vor- und Maßgabe landweit identischer Kulturpolitik und Sonderregelungen der Nationalitätenpolitik einer Partei funktionierte. Die literarische Zensur griff als Vorzensur (in Gestalt der Selbstzensur, der Verlagszensur und der des Zensuramtes) in die Texte ein. Ihre modellierende und repressive Funktion erklärt nicht nur das augenfällige Faktum, dass große Bereiche individueller und kollektiver, historischer und gegenwärtiger Erfahrungen im Textbestand nicht aufscheinen, sondern auch die Entscheidungen der Autoren für bestimmte Schreibweisen, die nichtkonforme Botschaften übermitteln. Dazu eignete sich vor allem die gattungstypologische Konstitution des Gedichts.

Der rumäniendeutsche Literaturbetrieb wurde allmählich zu einem Subsystem ausgebaut, das in den siebziger Jahren "wie ein Modell alle Elemente enthielt, aus denen sich eine literarische Kultur zusammensetzt: Verlage, Zeitungen und Zeitschriften [...], Rundfunkredaktionen, Theater, Literaturkritik und -wissenschaft, Autorenvereinigungen und Literaturzirkel, ein breit aufgefächertes Buchangebot" (Mecklenburg, 1985). Die Publikationsmöglichkeiten waren zeitweilig überaus günstig, die Auflagen wenn man das primäre Zielpublikum im Auge behält sehr hoch. Im Folgenden kann aus Raumgründen nur auf die siebenbürgischen Autoren kurz eingegangen werden.

1948 wurde der Sozialistische Realismus in einer moskauhörigen stalinistischen Variante über die gesamte Literatur der jungen Volksrepublik verhängt. Dessen festgefügter Kanon reduzierte den Sprachgestus auf die Eindeutigkeit eines parteipolitischen Manifests, Handlungsablauf und Figurenkomposition dienten der bloßen Illustration vorgegebener Thesen. Bukarest wurde zur regulierenden (kultur)politischen Mitte, den rumänischen Staatsverlagen wurden deutsche Abteilungen angegliedert, hier erschien seit 1949 der Neue Weg, bis 1957 die einzige (!) deutsche Zeitung Rumäniens. Eine Tabula-rasa-Situation: die Bindungen an die eigenen Traditionen wurden gekappt, die Ausdrucksformen der europäischen Moderne als dekadent, wirklichkeitsfremd und elitär denunziert. Der undurchlässige "Eiserne Vorhang" senkte sich herab, der Westen lag in unerreichbarer Ferne. Als Dialogpartner bot sich die Literatur aus dem "Bruderland" DDR an.

Nach dem Tode Stalins am 5. März 1953 griff ein kurzes Tauwetter auch auf Rumänien über. 1953 wird in Temeswar ein deutsches Staatstheater, 1956 in Hermannstadt eine deutsche Abteilung der örtlichen rumänischen Bühne ins Leben gerufen, Ensembles, die häufig auf Tournee gingen und auch in kleinen Dörfern Gastspiele gaben. Zu ihrem Repertoire gehörten vorrangig Werke der deutschen und rumänischen Literatur. Die wenigen Stücke rumäniendeutscher Autoren, die zur erfolgreichen Aufführung gelangten, wurden in den folgenden Jahrzehnten vor allem von Schauspielern (Christian Maurer, geb. 1939, u. a.) geschrieben, die aus eigener Erfahrung die Grenzen und Möglichkeiten der Inszenierungspraxis und den Erwartungshorizont des Publikums kannten.

Nuanciertere, aber durchaus herkömmliche Darstellungsformen setzen sich in der Lyrik durch. In der Epik rücken historische Stoffe in den Vordergrund. Monumentale Romane der Vergangenheitsbefragung stutzen Geschichte zweckdienlich zurecht, beschreiben deren Gang als eine von harten Klassenkämpfen geprägte Vorwärtsentwicklung. Ältere, bisher marginalisierte Autoren wie Erwin Wittstock, Otto Fritz Jickeli (1888-1960) Wolf von Aichelburg (1912-1994), Andreas Birkner (1911-1998) wird die Möglichkeit geboten, sich zurückzumelden. Georg Scherg (geb. 1917), Hans Bergel (geb. 1925), Oskar Pastior (geb. 1927), Paul Schuster (geb. 1930) und Claus Stephani (geb. 1938) haben ihre ersten Auftritte. Aus den Journalisten Arnold Hauser (1929-1988) und Hans Liebhardt (geb. 1934) werden angehende Schriftsteller, die der Skizze und Kurzprosa zum Durchbruch verhelfen.

Allmählich begann das Literaturgeschehen eine Eigendynamik zu entwickeln, durchbrach stellenweise die Rahmenvorschriften und kehrte sich sogar in Einzelfällen polemisch gegen diese. Hans Bergels Erzählung Fürst und Lautenschläger (1957) ist eines der seltenen Dokumente verkappter Widerstandsliteratur der fünfziger Jahre. Darin wird in historischer Verfremdung das Konfliktmodell individuelle Selbstbestimmung vs. diktatorische Befehlsgewalt anhand eines Künstlerschicksals mit deutlichem Gegenwartsbezug gestaltet. Weggerückt aus dem Vorschriftenbereich einer "aktiven Wirklichkeitsschau" sind Georg Schergs fabulierfreudige Geschichten aus dem alten Kronstadt Die Erzählungen des Peter Merthes (1957). In seinem Roman Fünf Liter Zuika (1. Bd. 1961; 2. Bd. 1965) verknüpft Paul Schuster die Formen des Bildungs-, Familien- und Zeitromans und hinterfragt in einer treffsicheren, dialektal gefärbten Umgangssprache und aus ironisch gebrochener Perspektive Lebenswelten, Denkmuster und Verhaltensweisen der Siebenbürger Sachsen im 20. Jahrhundert.

Die Polarisierung in "Dogmatiker" und "Ästheten" zeichnete sich schon Mitte der fünfziger Jahre deutlich ab. Die ersten beharrten auf dem Vorrang der revolutionären Botschaft, die zweiten waren bestrebt, die Ausdrucksmöglichkeiten, die expressive Dimension literarischer Aussage zu erweitern, was von den Verfechtern der reinen Lehre, den wachsamen Kulturfunktionären, mit größtem Misstrauen verfolgt wurde. Im September 1959 werden Andreas Birkner, Wolf von Aichelburg, Georg Scherg, Hans Bergel und Harald Siegmund (geb. 1930) im sog. "Prozess der deutschen Schriftstellergruppe" von einem Militärgericht in Kronstadt zu insgesamt 95 Jahren Haft und Zwangsarbeit "wegen des Verbrechens der Aufwiegelung gegen die soziale Ordnung durch Agitation" verurteilt. Als das "Urtrauma" (Aescht, 1994) der rumäniendeutschen Nachkriegsliteratur hat der Kritiker Georg Aescht diesen Beispielsfall von Repression und Justizwillkür bezeichnet.

Die der Kultur verordnete neue Eiszeit hatte eine lähmende Wirkung, war aber diesmal von kurzer Dauer. 1965 stieg ein geradezu unorthodox junger, 47jähriger Mann namens Nicolae Ceausescu zum Ersten Parteisekretär auf, der die Rolle des Hoffnungsträgers für sich reklamierte und es zuwege brachte, die Parteipolitik als eine Politik nationaler Interessen auszugeben. Nur wenige sahen damals voraus, dass Liberalisierung und populistische Anbiederung Komponenten eines machtpolitischen Kalküls bildeten, dessen Endergebnis die absolute Verfügungsgewalt über ein Land war.

In rascher Folge wurden mehrere Verbotstafeln beseitigt, die enggeschnürten Schreibkonzepte als unbrauchbar verworfen. Verdrängte Geschichte kam wieder zu Ehren, jüngste Vergangenheit durfte als eine Ära des "Dogmatismus" und tragischer Irrtümer kritisiert werden, die langjährig vergitterten Traditionen der Zwischenkriegszeit befreite man zu neuem Leben. Gefallen waren auch die Informationsschranken: Ein reiches Angebot an zeitgenössischer internationaler Literatur bescherte Überraschungen, beschleunigte Wandlungen, weckte Nachholbedürfnisse.

Zwei gegenläufige, doch auch einander überschneidende Bewegungen zeichnen sich seit der zweiten Hälfte der sechziger Jahre ab: Anknüpfung an die literarischen Vorkriegstraditionen Anschluss an die Formensprache der Moderne. In einzelnen Werken bildeten sie eigenartige Symbiosen. Was sie verbindet ist der Ablehnungsreflex gegenüber dem reduzierten Formelvorrat des Auftrags- und Aufbauschrifttums.

In der Lyrik machte das Gesetz der Kompensation seine Rechte geltend, sie wird dunkel, verrätselt und breitet Gefühle der Trauer, der Einsamkeit, des Schmerzes aus. Gesellschaftskritisches erscheint in kryptischen Abbreviaturen. Oskar Pastior schrieb sich als erster aus den Pathosformeln der Lobreden und dem Repertoire stimmungsvoller Landschaftsdichtung in einen Raum des Sprachexperiments hinüber, löste die semantische Kohärenz seiner Texte auf, verbarg sein Ich hinter wechselnden Masken und schuf sich ein eigenes phantasievolles und anspielungsreiches Idiom.

Auf dem Gebiet des Romans wagt sich Arnold Hauser an ein bislang tabuisiertes Thema heran. Sein Kurzroman Der fragwürdige Bericht Jakob Bühlmanns (1968) rekonstruiert aus wechselnden Perspektiven das Schicksal eines jungen Rumäniendeutschen, dem man aufgrund seiner Volkszugehörigkeit in den fünfziger Jahren mit Ablehnung und Misstrauen begegnete und der seither als verschollen gilt. 1971 erschien der Fragment gebliebene Nachlassroman von Erwin Wittstock Das Jüngste Gericht in Altbirk, eine Geschichte, in der eine geschlossene siebenbürgisch-sächsische Dorfgemeinschaft mit ihrem vermeintlichen Untergang konfrontiert wird, aber schließlich auf dem quälenden Umweg über Massenwahn, Angst und Schuld zu einem geläuterten Kollektiv- und Verantwortungsbewusstsein zurückfindet. Es war das Jahr, in dem Nicolae Ceausescu seine 17 "Thesen zur Verbesserung der politisch-ideologischen Arbeit, der kulturellen und erzieherischen Tätigkeit" in den Kampf gegen literarische Vielstimmigkeit schickte. Und in den beiden folgenden Jahrzehnten wurde der geistige Freiraum durch immer schärfere Eingriffe einer schrittweisen Entmündigungsaktion unterzogen.

Überdies war die deutsche Literatur in Rumänien um viele ihrer wichtigen Repräsentanten ärmer geworden. In die Bundesrepublik Deutschland übersiedelten 1966 Andreas Birkner, 1968 Hans Bergel und Oskar Pastior, 1969 Dieter Schlesak (geb. 1934), 1971 Paul Schuster. Einmal in Gang gesetzt, kam der Migrationsprozess nicht mehr zum Stillstand: Abschiede und Aufbrüche am laufenden Band.

Doch ließ sich das literarische Leben nicht schlagartig umprogrammieren und durch einen Gewaltakt verstümmeln. Neben Wittstocks Nachlassroman fand 1971 der schmale Debütband Was man heute so dichten kann (1971) der Lyrikerin Anemone Latzina (1942-1993) den ungeteilten Beifall der Literaturkritik: nüchtern-ironische Erkundungen des realsozialistischen Alltags, aufmüpfige Texte, die das Recht auf Unzufriedenheit und Entscheidungsfreiheit einfordern und die anregend auf die in überraschend großer Anzahl nachdrängenden jüngsten Poeten wirkten. Wolf von Aichelburgs im gleichen Jahr erschienener Auswahlband Lyrik. Dramen. Prosa stellte hingegen eine souveräne Beherrschung traditionsverbundener Darstellungsmodalitäten unter Beweis.

Die literarische Entwicklung verlief weiterhin im Zeichen eines erstaunlichen Formenpluralismus, dokumentierte eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auf kleinem Raum von Modellen der Jahrhundertwende bis zur Textkombinatorik der Konkreten Poesie, von naturmagischen Beschwörungen zum lakonischen Kurzgedicht, von schlichten und anekdotischen Erzählweisen zu parabolischen Strategien, vom Dokumentarstil zur grotesken Phantastik.

Nun erweitern und differenzieren die Kurzprosaautoren Arnold Hauser und Hans Liebhardt in zahlreichen Bänden ihr Angebot, erzählen unverkrampfter als bisher, hüten sich vor unmittelbarer Konfrontation mit dem System, verbannen aber auch die abgegriffenen Harmonieschablonen aus ihren Konfliktgestaltungen. In seiner erzählenden und betrachtenden Prosa durchstreift Joachim Wittstock (geb. 1939) als umsichtiger Chronist und betroffener Zeitzeuge Geschichte und Gegenwart der Siebenbürger Sachsen (Blickvermerke, 1976; Karussellpolka 1978; Parole Atlantis, 1980). Aktuelles wird in sorgfältig ausgefeilten Geschichten, doppelbödigen Parabeln und in beziehungsreichen Montagen historisiert und Historisches aktualisiert. Der produktive Romancier Georg Scherg etabliert in den sechziger und siebziger Jahren epische Techniken einer klassischen Moderne im Großformat: sprunghaftes Erzählen in mosaikartigen Fügungen, Perspektivenwechsel, Rückblenden, essayistische Einschübe. Erlebtes und Erlittenes werden zu kunstvoll verschlüsselten Existenzmustern auf zeitgeschichtlichem und autobiographischem Hintergrund stilisiert und angeordnet (Der Mantel des Darius, 1968; Penelope ist anderer Meinung 1971; Spiegelkammer 1974; Paraskiv Paraskiv, 1976).

Am auffälligsten vollzog sich der Auftritt einer neuen Generation, die sich vorrangig und vorerst als Lyriker zu Wort meldeten und in einer kurzen Zeitspanne die literarische Szene eroberten: Frieder Schuller (geb. 1942), Franz Hodjak (geb. 1944), Rolf Frieder Marmont (geb. 1944), Hellmut Seiler (geb. 1953), Klaus Hensel (geb. 1954) u. v. a.

Die meisten der selbstbewussten Newcomer empfanden sich als Wegbereiter eines neuen sozialen und ästhetischen Bewusstseins, stießen sich von den Schreibmustern ihrer Vorgänger ab, suchten innerhalb des gegebenen Kommunikationsrahmens den offenen Dialog mit der Gesellschaft, die, im Sinne ihres großen Vorbilds Bertolt Brecht, als veränderbar eingeschätzt und als veränderungsbedürftig begriffen wurde. Vorgefundene Zustände messen sie an dem Phantasieentwurf eines freiheitlich-demokratischen Sozialismus. Das Ensemble ihrer Schreibweisen umfasst aphoristisch verknappte Texte, wortspielerisch geformte Epigramme, parabelhafte Konstruktionen, Parodien und Collagen.

Subjektive Empfindungen und unmittelbare Beobachtungen dringen ab der zweiten Hälfte der siebziger Jahre verstärkt in die Gedichte ein. Die Texte bilden Bewusstseinsbewegungen ab, erfassen das Fluktuierende der Stimmungen und das Sprunghafte der Denkvorgänge, die Lyriker betreiben auf ihren Expeditionen durch einen zermürbenden und bizarren Alltag gleichzeitig radikale Selbstausforschung. Angesichts des um sich greifenden wirtschaftlichen Desasters und des krebsartig wuchernden Größenwahns des Tyrannen Ceausescu wird das Lebensumfeld fremd und unheimlich. In den achtziger Jahren tritt die rumäniendeutsche Literatur in ihren letzten, todesumschatteten und blühenden Lebensabschnitt. Und berichtet in Gedichten und Geschichten über Verlusterfahrungen und Identitätsberaubungen, über zerschellte Träume und verstümmeltes Leben, über den Mangel an Zukunft in einem verfinsterten Überwachungsstaat. Franz Hodjaks Chansons und Liebessonette verwandeln das Bewusstsein der Sinnlosigkeit in zynische, auf das Nichts gereimte Verse, seine Landschafts- und Ortschaftsgedichte sind sanfte und schmerzliche Idyllen der Auflösung und des Verfalls, Rand- und Außenseitergestalten, die aus allen Bindungen herausgefallen sind, treten in seiner Kurzprosa in Erscheinung.

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15.3 Der wandernde Rand, das mitgebrachte Land

Im Zeitalter der Extreme, der totalitären Ideologien wurde die deutsche Literatur in Rumänien zu einer Literatur der wandernden, versehrten, bedrohten, vernichteten Ränder. 1975 konnte Hans Bergel noch zu Recht von einem "gespaltenen Schrifttum der südostdeutschen Autoren", (Bergel, 1975, 138-146) von der Existenz einer Literatur der Ausharrenden und einer der Ausgereisten sprechen. Nach dem Sturz der nationalkommunistischen Diktatur setzte 1990 ein massenfluchtartiger Exodus ein, der die in Rumänien verbliebenen Deutschen um mehr als die Hälfte ihres Bestands von 1989 reduzierte. 1992 lebten, nach Ergebnissen der Volkszählung vom 7. Januar 1992, noch rund 119.000 Deutsche in Rumänien. Blättert man in Anthologien und Verlagskatalogen der siebziger und achtziger Jahre, kann man feststellen, dass von den darin vertretenen Autoren noch etwa ein Zehntel in Rumänien verblieben ist.

Den verzweigten und verschlungenen Haupt- und Nebenwegen der "ausgereisten Literatur" kann in diesem knappen Überblick nicht nachgegangen werden. Sicherlich wäre die auseinanderklaffende Literatur des wiedervereinigten Deutschland ohne die Romane und Erzählungen, die Gedichte und Essays von Andreas Birkner und Hans Bergel, Georg Scherg und Wolf von Aichelburg, von Oskar Pastior und Dieter Schlesak, von Franz Hodjak, Karin Gündisch und Klaus Hensel um mehr als einen exotischen Farbtupfer blasser.

"Die Zentren einer Literatur", betonte Walter Hinck in seiner Laudatio Das mitgebrachte Land auf die Kleistpreisträgerin Herta Müller, "sind nicht immer die Orte ihrer Verjüngung. Oft vollzieht sich die Auffrischung von den Rändern her. [...] In der rumänischen, ehemals österreichischen Bukowina, in Czernowitz, wuchs (neben Alfred Margul-Sperber und Rose Ausländer) Paul Celan (Ancel) auf, dem die deutsche Nachkriegslyrik so entscheidende Innovationen verdankt. Und Siebenbürgen und das Banat sind zu einer achtbaren Provinz unserer Literaturgeschichte geworden [...]" (Hinck, 1995, 141)

Übersicht


15.4 Literatur

Aescht, Georg, 1994: Weiße Flecken, schwarze Löcher. In: Kulturpolitische Korrespondenz vom 5. Juni.

Bergel, Hans, 1975: Die verbannte Wahrheit. Anmerkungen zum gespaltenen Schrifttum der südostdeutschen Autoren. In: B. H.: Gewalten und Gestalten. Südöstliche Bilder und Begegnungen. Innsbruck.

Camartin, Iso, 1992: Zur Typologie von Randliteraturen. In C. I.: Nichts als Worte? Ein Plädoyer für Kleinsprachen. Frankfurt am Main.

Hinck, Walter, 1995: Das mitgebrachte Land. Zur Verleihung des Kleist-Preises 1994 an Herta Müller. In: Sinn und Form 37, H. 1.

Mecklenburg, Norbert, 1985: Seiltänzer im Gruppenbild. Neue Lyrik und andere deutschsprachige Bücher aus Rumänien. In: Neue Zürcher Zeitung vom. 2. September.

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