(Wappen) Siebenbuerger Sachsen in Baden-Württemberg (Wappen)
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14. Das deutsche Theater und die Bühnenliteratur Siebenbürgens von den Anfängen bis 1919

Siegfried Habicher

Prolog und Vorspiel im Karpatenland

Es mag misslich sein, über Theater und Bühnenliteratur zu schreiben, ohne über Schauspieltexte zu verfügen. – So beschreibt ein siebenbürgischer Literaturforscher die Situation, in die sich jeder begibt, der über die Anfänge des siebenbürgischen Theaters berichten möchte. Hinzu kommt, dass es in Siebenbürgen wohl nie weitverbreitete Volksschauspiele gegeben hat.

Die Anfänge der siebenbürgisch-deutschen Dramatik müssen daher in den spielähnlichen Umzügen vermutet werden, wie sie mit dem Rösschentanz oder dem Urzellauf gegeben waren. Immer wieder sind im Laufe der Jahrhunderte Königslied und Herodesspiel aufgeführt worden, die dann im 17. Jahrhundert auf weite Strecken von den Schulkomödien verdrängt wurden.

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1. Akt: Dramatik mit pädagogischer Zielsetzung zur Zeit des Barock und des Humanismus

Die meist lateinisch gehaltenen Darbietungen der sächsischen Oberschulen waren zweckgebunden – sie dienten humanistischen Bildungszielen und ließen folglich die Ansprüche künstlerischer Inszenierungen gar nicht erst aufkommen. Die Schulbühne bediente sich der darstellenden Kunst "nur zu Zwecken der Gelehrsamkeit oder zur Ausbreitung religiöser und politischer Gedanken". Trotzdem ist das Schuldrama von bedeutendem kulturgeschichtlichem Wert.

Erste urkundliche Belege für Kronstädter Aufführungen datieren aus den Jahren 1614–1617. Ferner ist eine Theaterveranstaltung von 1621 in Schässburg belegt.

Zahlreicher sind Angaben zu Aufführungen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Vor allem über die Kronstädter Leistungen auf dem Gebiet der Schulkomödie sind wir unterrichtet, und zwar aus chronikalischen Aufzeichnungen, denen zu entnehmen ist, dass in jener Zeit "das Kronstädter Schultheater seine höchste Blüte erreichte". Das ist vermutlich auch der Initiative der damals amtierenden Rektoren zuzuschreiben, "von denen zwei, Franz Rheter und Johann Gorgias, auch namhafte Dichter waren", wenn sie auch als Dramatiker nicht hervorgetreten sind.

Das Repertoire enthält zumeist Stücke von nicht identifizierten Schriftstellern, unter denen auch siebenbürgische gewesen sein mögen. Dies gilt vor allem für den Autor des 1673 aufgeführten Dramas Von Siebenbürgen: "Hier schließt wohl schon der Stoff selbst die Bearbeitung durch einen ausländischen Verfasser aus." Der Chronist – Webermeister Johannes Stamm – merkt zum allegorischen Inhalt an:

",Von Siebenbürgen‘, wie es gleichsam fürgebildet wird, wie Gott mit seinem Wort Siebenbürgen begabet, wie’s auch mit Freuden annimmt, wird aber stolz und zu allen Sünden geneigt; derwegen straft’s Gott mit Feinden, die es berauben und plündern bis auf den Grund und noch heut zu Tag plagen [...] und noch immer begehren Geld."

Von Siebenbürgen steht wohl in der Nachfolge des Dramas Friedewünschendes Teutschland (1647) von Johann Rist, zumal das Werk des norddeutschen Autors 1668, 1672 und 1685 in Kronstadt gespielt wurde, wie aus den Titelangaben des Chronisten ersichtlich: "Vom verwüsten Teutschland, wie es wieder zum Frieden gelanget [...] wie Teutschland den Frieden verjaget und hernach beraubet und geplündert wird."

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2. Akt: Vom Schuldrama deutscher und englischer Dichter bis zum neulateinischen Jesuitendrama

Von deutschen Dichtern ließen sich im Repertoire der Schulbühne dramatische Werke von Andreas Gryphius (Papinian) und Daniel Casper von Lohenstein (Agrippina) ermitteln. Bemerkenswert ist, dass über das Schultheater auch Shakespeares Werk nach Siebenbürgen kam:

"Shakespeare haben die Kronstädter Schüler zum ersten Mal in unserem Land auf die Bühne gebracht. 1677 wurde sein blutrünstiges Erstlingsdrama ,Titus Andronicus‘ aufgeführt."

Dabei stützte man sich vermutlich nicht auf das Stück im Wortlaut seines Urhebers:

"Dass Titus‘ Sohn in Siebenbürgen Vespasian und nicht wie bei Shakespeare Lucius heißt, ist wohl ein Fingerzeig, dass das siebenbürgische Spiel nicht unmittelbar auf Shakespeare, sondern auf eine der vielen Nachbildungen zurückging, die durch die englischen Komödianten in Deutschland verbreitet wurden."

Auch in Hermannstadt tat sich im Bereich der Schulaufführungen manches: Michael Pankratius, nach ausgedehnter Studienzeit im Ausland und pädagogischem Wirken in Eperies in seine Heimat zurückgekehrt, ließ während seines Hermannstädter Rektorats ein wohl von ihm verfasstes Stück, Die Hochzeit Adams mit Eva, 1669 im Hause des Comes Fleischer darstellen. Diese Aufführung provozierte – wie Harald Krasser schrieb – den "ältesten überlieferten Hermannstädter Theaterskandal": Der nachmalige Bischof Pankratius ließ in dem Festspiel "seiner theologischen Streitlust so die Zügel schießen, daß die calvinistischen, unitarischen, katholischen Hochzeitsgäste nacheinander unter Protest den Saal verließen"; hierdurch fällt "auf den vielgerühmten siebenbürgischen Religionsfrieden und die [angeblich inexistenten] konfessionellen Gegensätze innerhalb der herrschenden Kreise des Zeitalters ein eigenartiges Licht".

Mit Unterstützung des Comes Valentin Franck von Franckenstein führte der Hermannstädter Rektor Johann Krempes mit seinen Zöglingen den "vorchristlichten Terenz" auf. Man bediente sich dabei des Terentius Christianus, das heißt "lateinischer Bibeldramen im Terenzstil vom holländischen Humanisten Cornelius Schonaeus, die in Großwardein nachgedruckt worden waren".

Das Schuldrama fand vermutlich auch in Isaak Zabanius, dem Hermannstädter Rektor und späteren Stadtpfarrer, eine Stütze; dieser ehemalige Lehrer und Konrektor von Eperies hatte sich in seiner Zipser Zeit als Förderer des Schultheaters erwiesen. "Sein Kontrahent in philosophisch-theologischen Fragen, Elias Ladiver, gleichfalls ehedem Schulmann in Eperies, später in Hermannstadt und Schäßburg, hat in Siebenbürgen seine in der Slowakei bezeugte Tätigkeit als Verfasser und Regisseur von Schuldramen wohl fortgesetzt." Freilich, bei den Letztgenannten, die sich vor ihrer Ankunft im Kar-patenland auf dem Gebiet der Schulkomödie bewährt hatten, "erlaubt es uns die lücken-hafte Überlieferung nicht, ihnen in Siebenbürgen ähnliche Verdienste nachzurühmen".

Dies sind Daten, die aufgrund allgemein zugänglicher gedruckter Quellen zusammengestellt wurden. Zweifellos könnten sie noch durch weitere Ausführungen bereichert werden, etwa über das Theater der Jesuiten, wie auch vertieft werden durch Archivstudien.

Bei den Veranstaltungen der Schulbühnen wurden zunächst ausschließlich, dann zu-sehends weniger – Stücke in lateinischer Sprache gespielt. Soweit man nicht auf frühere Drucke antiker Literatur zurückgreifen konnte, bediente man sich der neueren Veröffentlichungen. Die griechischen Tragödienverfasser waren in lateinischer Übertragung (Aeschylus, Tragoedia septem, 1663; Euripides, Quae extant omnia [ ] opera, 1694) ebenso vorhanden wie die Komödien des Plautus (Ausgaben von 1619, 1640, 1645, 1652, 1679) und des Terentius (Ausgaben von 1606, 1635, 1642, 1656, 1657, 1662, 1673 – ein Leipziger Druck mit beigeschlossener deutscher Übersetzung –, 1685).

Der Jesuit Jakob Bidermann, bedeutender neulateinischer Theaterdichter der Barockzeit, wird in den Hermannstädter Buchbeständen nicht als Dramatiker, sondern als Prosaschriftsteller greifbar: durch seinen 1649 in Köln erschienenen, nachgelassenen Roman Utopia. Doch ist erwiesen, dass sein dazumal vielgespieltes Stück Cenodoxus (1602) von Kronstädter Gymnasiasten aufgeführt wurde. Die Inszenierung erfolgte 1669, und das Stück ist 1686 wiederaufgenommen worden, wie aus zeitgenössischen Aufzeichnungen ersichtlich: Agiert wurde ",Vom Xönodoxe‘, welcher ein scheinheilig Leben hat geführet und derwegen aus gerechtem Gericht Gottes verdammet ist".

Von den Jesuitendramen des 17. Jahrhunderts, zu denen wir hiermit gestoßen sind, werden in der Brukenthal-Bibliothek keine aufbewahrt, hingegen gibt es da Druck-schriften, die das Wirken der "Societas Jesu" spiegeln. Aufschluss über das Repertoire von Theateraufführungen der Jesuiten gibt außerdem das Karlsburger "Batthyaneum", wo eine Sammlung derartiger Stücke liegt.

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3. Akt: Das Gedankengut der Aufklärung

Von den Wandertruppen zum ersten Schauspielhaus

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts tauchten die ersten Wandertruppen in den siebenbürgisch-sächsischen Städten auf. Mit ihnen drangen auch die von Gottsched und der Neuberin in Leipzig bzw. von Sonnenfels in Wien unternommenen Reformversuche des Theaters nach Siebenbürgen.

Bevor Hermannstadt 1783 durch den Umbau einer Bastei ein eigenes Schauspielhaus erhielt, das, nach dem Urteil eines Zeitgenossen, den Vergleich mit den vorzüglichsten Schauspielhäusern Deutschlands nicht zu scheuen brauchte, führten die Schauspieler die Stücke auf improvisierten Bühnen auf. Neben Unterhaltungsliteratur und Werken von Shakespeare bis Molière wurden auch zeitgenössische Dramen geboten, u. a. Emilia Galotti von Lessing, Clavigo von Goethe, Kabale und Liebe von Schiller. Die Aufführungen wurden zeitweilig mit kritischen Anmerkungen im "Theatral Wochenblatt" (1778), dem ersten siebenbürgischen Periodikum, begleitet. Das Theaterleben wurde auch im 19. Jh. hauptsächlich von Wandertruppen bestimmt, selbst wenn Hermannstadt und Kronstadt dazu übergehen konnten, ihr Saisontheater zu einer ganzjährigen Institution umzuwandeln.

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4. Akt: Auf den Spuren der deutschen Klassik. Das historische Schauspiel als "erstaunliche Disziplin"

Die geschichtlichen Ereignisse der Jahre 1849–90, die sich auf die politische Situation der Sachsen in Siebenbürgen nachhaltig auswirkten, verwiesen die Dichtung auf das Gebiet des historischen Schauspiels. Die dramatische Behandlung geschichtlicher Stoffe mit unverkennbarer Zeitbezogenheit erweist sich nicht nur als ein Spiegelbild politischer Interessenbereiche und bewusster Parteinahme sächsischer Intellektueller für die eigene nationale Sache, sondern gleichzeitig auch als ein poetisch konstruiertes Modell des Selbstverständnisses der Siebenbürger Sachsen. Fast ausnahmslos haben die Dra-menschreiber des Jahrhunderts an der Zeichnung dieses Selbstbildnisses mitgearbeitet. In dem dramatischen Werk von Traugott Teutsch und Michael Albert erreicht diese historisch motivierte Selbsteinschätzung mit Vorbildcharakter ihren Höhepunkt.

Während der ersten Jahrhunderthälfte forderte Ungarn wiederholt den staatsrechtlichen Anschluss Siebenbürgens, das als Großfürstentum mit eigenem Landtag von Österreich regiert wurde. Die Siebenbürger Sachsen erklärten sich gegen die "Union" und setzten sich für die Erhaltung ihrer nationalen Eigenständigkeit ein. Diese Problematik wurde mit dem 1867 getroffenen österreichisch-ungarischen Ausgleich wieder aktuell, besonders auch nachdem 1876 die Sächsische Nationsuniversität als autonomer Verwaltungskörper auf dem Königsboden aufgelöst und die Magyarisierungspolitik intensiver als bisher betrieben wurde.

Diesen politischen Gegebenheiten galt es, im Dienste der Wahrung nationaler Eigenständigkeit ein würdiges Geschichtsbild entgegenzuhalten. In diesem Sinne spiegelt vorzüglich die Dramatik der zweiten Jahrhunderthälfte vieles von jener "erstaunlichen Disziplin", die auf dem abgeschlossenen Königsboden entstanden war. Gleichzeitig aber gibt gerade diese Dichtung Aufschluss über die Diskrepanz zwischen sozial-politischer Wirklichkeit und illusionärem Geschichtsbild. Und das umso mehr, als die historische Dramatik des 19. Jhs. das erfasste, was die Siebenbürger Sachsen von sich selbst ausgesagt haben wollten.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang eine Besprechung von Anton Freytags Michael Weiß, der Richter von Kronstadt. Der Rezensent verweist auf den "Grundfehler" in der Charakterzeichnung von Michael Weiß, in dessen Gestalt die "edlen sächsischen Tugenden" ins Wanken geraten: "Das ist unser Weiß, den unser Volk ehrfurchtsvoll im Herzen trägt, nicht mehr und – sei sein Verfehlen noch so menschlich – uns stößt es ab."

Zur Gestaltung der sächsischen Lebensproblematik jener Zeit bevorzugt die Dramatik siebenbürgisches Geschehen. Weiter abliegende Stoffquellen lassen bloß mittelbare Beziehungen zur heimischen Existenz deutlich werden. Friedrich Wilhelm Schusters Alboin und Rosimund (1884) bleibt so, trotz seiner Zeitbezogenheit, ein Fremdkörper in dieser Dramatik. Noch weniger Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang Friedrich Christian Maurers "germanischen" Tragödien Harra, Ganna, Ulfilas (1883) zu. Auch Carl von Baussnerns bürgerliches Drama in fünf Akten August Rose, das 1859 erschienen ist, steht im Kontext heimischer Schauspiele vereinzelt da; Künstlerproblematik wird hier in der Manier eines rührseligen Familienstückes behandelt.

Vorarbeit zur Entstehung einer eigenständigen Dramatik leistet in der zweiten Jahrhun-derthälfte die Forschung. Die Hinwendung zur Volkskunde und die Erforschung der eigenen Geschichte ermöglichen und bestimmen auch das historische Schauspiel. Das dichterische Vorbild aber liefert die deutsche klassische Literatur. Nicht nur die gebundene Form der Jambendramen, sondern auch die Typenzeichnung (z. B. die Intrigantengestalt des Sekretärs Kinder in T. Teutschs Harteneck) und der Aufbau (z. B. Verwendung des Prologs) erinnern an Schillers Dramen.

Mit Traugott Teutschs Sachs von Harteneck (1874) setzen die historischen Dramen ein, die in einer Zeitspanne von ungefähr fünfundzwanzig Jahren erscheinen: Die Flandrer am Alt, Harteneck und Ulrich von Hutten von Michael Albert, Zwei Pilger im Osten von Martin Malmer und Johannes Honterus von Traugott Teutsch.

Trotz der unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten und -fähigkeiten der einzelnen Autoren lässt sich, mit einigen Akzentverschiebungen, ein einheitliches weltanschauliches Gerüst nachweisen, das bei einer Gesamtschau das Bild des Welt- und Selbstverständnisses der Siebenbürger Sachsen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. ergibt. Allerdings ist hervorzuheben, dass der Tendenzcharakter dieser Dichtung vor allem jene positiven Seiten des gesellschaftlichen und sittlichen Lebens betont und teilweise überbetont, die sich als Waffe im politischen Tageskampf einsetzen lassen. Bedeutende historische Ereignisse aus der eigenen Vergangenheit werden als beispielhafte Bemühungen um die Erhaltung nationaler Eigenständigkeit dargestellt. Historische Gestalten wie Hermann von Nürnberg oder Harteneck sind folgerichtig als Volkshelden gezeichnet worden, die sich für die nationale Freiheit der Sachsen eingesetzt haben.

Der äußeren Bedrohung setzen die Dramatiker ein Bild der inneren Einheit und Sittlichkeit entgegen. Die Siebenbürger Sachsen erscheinen in den einzelnen Stücken als eine klassenlose Gemeinschaft von freien und gleichberechtigten Bürgern. Diese Einheit wird gefährdet, wo das Fremdnationale in die Gemeinschaft eindringt – und sei es auf dem Wege zwischenmenschlicher Beziehungen. So werden die Liebesbeziehungen zu einem nichtsächsischen Partner als individuelle Verirrung, welche die Gemeinschaft gefährdet, dargestellt. Soweit es sich in dieser Hinsicht nicht um billige Bühneneffekte handelt, sind gerade aus dieser Problematik echte dramatische Szenen erwachsen.

Ganz anders stellt Martin Malmer in Zwei Pilger im Osten diese Problematik dar. Hier führt die Liebe zwischen der Ungarin Ilona und dem Mährenfürsten Svatopluk zur Versöhnung zweier feindlicher Völker. Das Werk setzt sich somit für ein friedliches Zusammenleben aller Bewohner Siebenbürgens ein.

Das Bewusstmachen sittlicher Werte als ein Weg zur inneren Kräftigung der Gemein-schaft ist ein weiteres Anliegen, das die dramatische Dichtung vertritt. Die Wahrung und Achtung der geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze, männliche Tugenden und sittliche Bewährung der Frau werden anhand von historischen Beispielen den Zeitgenossen zur Nachahmung vorgehalten.

Lassen sich bei einem Gesamtüberblick nur wenige allgemeingültige Bemerkungen im Hinblick auf die Problematik der dramatischen Werke machen, so erweist sich die Einschätzung der künstlerischen Gestalt dieser Wortkunst als noch viel schwieriger. Obwohl mehrere Werke von ihren Autoren als Trauerspiel bezeichnet werden, entspre-chen sie den Gattungsanforderungen nur zum Teil. Weder Rosimund (Fr. W. Schuster, Alboin und Rosimund) noch T. Teutschs Harteneck sind tragische Gestalten. Wenn also schon das Zuordnen zu dramatischen Untergattungen schwerfällt, bleibt als einzig verbindliche Aussage die Zugehörigkeit zur Gattung Drama übrig.

In den meisten Dramen verbindet sich mit dem historisch-politischen Geschehen eine individuelle Konfliktsituation. Der politische Gegensatz zu dem siebenbürgischen Kanzler Bethlen wird in beiden Harteneck-Dramen durch die persönliche Schuld des Titelhelden vertieft. Auch Hermann, der Führer der "Flandrer", steht nicht nur im Kampf gegen die Kumanen und ungarischen Adligen, sondern auch gegen den Verrat an den gemeinschaftlichen Interessen in der eigenen Familie. Eine nähere Betrachtung führt zur Schlussfolgerung, dass wir es in den meisten dramatischen Werken mit einem Konfliktschema zu tun haben, in dem die historisch-politische und menschlich-individuelle Problematik in die Formel eines bereits geprägten Geschichts- und Gesellschaftsbildes eingesetzt wird.

Der klassische Konflikt zwischen Pflicht und Neigung wird recht einfallsarm abgewandelt. Eigentliche literarische Werte sind deshalb nur dort zu suchen, wo die dramatische Gestaltungskraft des Autors, über die tagespolitischen Absichten hinaus, das Konfliktschema zu echter menschlicher Problematik vertieft.

Michael Albert kann mit seinem Harteneck als Höhepunkt der vaterländischen Dramatik gelten. Nicht nur die geschickte Verflechtung individuell-persönlicher und politischer Problematik, sondern auch die sichere Handlungsführung und die strenge Verknüpfung der sich steigernden Konflikte sowie die meisterhafte Zeichnung der Harteneck-Gestalt weisen das Werk als echtes Drama aus.

Auch Alberts Ulrich von Hutten vermittelt die Einsicht in die Tragik einer Generation, der persönliche Erfüllung wegen der widrigen gesellschaftlichen Umstände nicht gegeben war.

Da nach 1890 die politischen Spannungen zwischen den Siebenbürger Sachsen und dem ungarischen Staat zu einem Ausgleich hinstrebten, gleichzeitig sich aber auch neue literarische Einflussbereiche in der Dichtung geltend machten, lockerte sich auch der Stoff- und Themenbereich der Dramatik auf. Damit verzweigen und vervielfältigen sich auch die Darstellungsformen.

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5. Akt: Die bäuerliche "Schaubühne als moralische Anstalt". Die Zeit des eigenständigen Bauerndramas in Siebenbürgen

Ein- und Zuordnung der dramatischen Werke der Epoche 1890-1919 zu einem Gesamtbild werden durch die Vielzahl der vorliegenden Stücke und durch deren mangelnde künstlerische Reife erschwert. Trotzdem sei hier der Versuch gewagt, bemerkenswerte Leistungen im Bereich des dramatischen Schaffens zu verzeichnen, um so einen allgemeinen Überblick zu ermöglichen.

Die neu einsetzende Periode bringt gerade auf dem Gebiet der Dramatik eine Vielzahl von Werken hervor, die sich mit den Stücken von Michael Albert, Traugott Teutsch und Friedrich Wilhelm Schuster – jener Männer, um die sich das literarische Geschehen vor der Jahrhundertwende konzentriert – nur noch in wenigen Fällen messen können. Trotz dieses wahrnehmbaren Niveauunterschiedes ist das Bewusstsein, einer literarischen Tradition anzugehören, bei fast allen Produzenten dramatischer Werke lebendig. Nachweisbar aber durch künstlerische Qualität wird dieses literarische Traditionsbewusstsein vor allem im Schaffen von Anna Schuller-Schullerus und Michael Königes. Ihr Werk veranschaulicht die Möglichkeit einer literarischen Synthese, verwirklicht durch die Rezeption deutscher und siebenbürgisch-sächsischer Literatur sowie durch die literarische Auswertung konkreter gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Im Hinblick auf die Gestaltung der sozialen Realität muss gleich eingangs gesagt werden, dass die Dramatiker der Zeit die soziale Schichtung innerhalb des sächsischen Dorfes – es handelt sich vorzüglich um die Gestaltung dörflicher Verhältnisse – als gegeben betrachten. Unzulänglichkeiten und soziale Missstände werden allein durch mangelnde Sittlichkeit begründet. Dieser Einstellung zufolge hat die Dichtung vorzüglich belehrend-erzieherische Aufgaben wahrzunehmen. Was die Schreibenden in ihrem Berufsleben vom Katheder oder von der Kanzel herab verkündeten, wird jetzt anhand einer – mehr oder weniger gelungenen – dramatischen Handlung dem Publikum von der Bühne her mitgeteilt.

Den äußeren Anlass zur Entstehung vieler dramatischer Arbeiten bot das rege Vereins-leben.

Die Vielzahl der Stücke, die sich mit dem Problem der Eheschließung und der Ehe selbst beschäftigen, beweist, dass die Familie als kleinste Zelle sozialer Gemeinschaft einen besonderen Platz innerhalb dieser so didaktisch ausgerichteten Literatur einnimmt. Die gesellschaftlich anerkannte Vorstellung von der Liebe führt notwendigerweise zur Ehe; Liebe außerhalb der Ehe gibt es nicht, und dort, wo es sie trotzdem gibt, vernichtet sie die Partner. Die Liebe und damit selbstverständlich auch die Ehe gründen sich auf den freien Entschluss und auf die freie Wahl der Partner; ausschlaggebend sind allein sittliches Verhalten und menschliche Qualitäten; doch erst mit dem Segen der Eltern kann die Ehe gedeihen.

Solche Überlegungen nehmen der Darstellung der Liebe jeden Affekt, ja sie führen zu einer für diese Werke geradezu typischen Leidenschaftslosigkeit und inneren Zurückhaltung, die sich oft in Bedächtigkeit und breiter Darstellung äußert. Heirats- und Eheproblematik geben in vielen Fällen Anlass zur Gestaltung von Brauchtum und Sitte; vorzüglich Hochzeitsbräuche werden von mehreren Autoren auf die Bühne gebracht. Die deskriptive Darstellung verbindet sich dabei mit der mahnenden Geste, alte Gepflogenheiten in Ehren weiterzuführen (z. B. Hans Lienerts Die Hochzeit, 1913).

Einen breiteren Wirklichkeitsausschnitt des dörflichen Lebens bieten die dramatischen Werke von Anna Schuller-Schullerus, die mit Am zwin Krezer (1898) das erfolgreichste mundartliche Lustspiel geschrieben hat. Gelungene Gestaltung bäuerlicher Typen und echte Situationskomik zeichnen dieses Stück aus. Dä Olden (1908), ein Bauerndrama, wurde lange Zeit als das reifste Werk der Autorin eingeschätzt.

Michael Königes, der durch seine ersten dramatischen Werke, Gewalt und Recht (1903) und Der hochehrwürdige Herr (1904), die Fragwürdigkeit der gegebenen sozialen Verhältnisse innerhalb der sächsischen Bauernschaft und des Bürgertums beleuchtet, hat durch seine Haltung in der siebenbürgisch-sächsischen Dramatik der Jahrhundertwende neue sozialkritische Akzente gesetzt. Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang – der breiteren Erfassung der Wirklichkeit und des nuancierten Darstellungsvermögens – der Stolzenburger Johann Plattner. Mit Die Müßigen (1909) hat er ein bäuerliches Lustspiel geschaffen, in dem echtes Dorfleben heiter dargestellt wird.

Außerhalb der bisher dargestellten Problematik stehen zwei Dorfstücke von Hans Lienert: Im Kornsäen (1915) und Das dritte Kind (1919). Sie beschließen nicht nur durch ihre Entstehungszeit die hier behandelte Periode; sie sprechen vielmehr durch die Art der Problemstellung für die neuen Themenbereiche und die neuartige Behandlungsweise dörflicher Stoffe, die durch den Einfluss des Naturalismus bedingt wurde.

Der versöhnliche Geist, der für die Gestaltung des ländlichen Lebens bisher ausschlag-gebend war, das sichere Bewusstsein, dass das Dorfleben eine heile und harmonische Welt ist, trotz zeitweiliger Gegensätze, wird hier in Frage gestellt. Verjährte Schuld der Eltern, erbliche Belastung verstricken die Nachkommen in Widersprüche, denen sie nicht gewachsen sind und an denen sie schließlich zerbrechen. In solchen, für diese Zeitspanne uncharakteristischen Erscheinungen ist nicht nur ein Umbruch in der künstlerischen Darstellungsweise, sondern gleichzeitig auch ein Suchen nach tieferem Wirklichkeitsverständnis feststellbar.

Jene Stücke, die weder dörfliche noch historische Problematik behandeln, zeichnet eine gewisse Unsicherheit aus. Wo nicht der Stoff eine leicht konturierbare Fabel liefert, zeigt sich das Unvermögen in der Gestaltung und die Dürftigkeit der Aussage. Julius Waldens Dilettanten (1899) und Mathilde Roths Versprechen hangder´m Hierd (1903) können in diesem Zusammenhang genannt werden.

Die Aufnahme moderner Strömungen ist für die siebenbürgisch-sächsische Bühnendichtung der Jahrhundertwende keine typische Erscheinung. Hans Lienerts Dramen und Michael Königes´ dramatisches Frühwerk sind zwar vom Naturalismus beeinflusst, doch die produktive Rezeption moderner literarischer Strömungen wird im Bereich des Theaters erst am Schluss dieser Periode bemerkbar.

Die Zeitspanne 1890-1919 ist auf dem Gebiet dramatischer Dichtung in ihren wesentlichen Zügen durch die Auswertung eigener literarischer Möglichkeiten gekennzeichnet. Dadurch erreicht das einheimische Drama eine relative Selbständigkeit, die in der Entstehung des "eigenartig-sächsischen Volksstückes" ihren Ausdruck findet. Die Dramatik der Zeit ist, wie es schon durch die Stoffwahl und Problemstellung nachgewiesen wurde, auf heimischem Boden gewachsen und hat, trotz künstlerischer Unzulänglichkeiten, eine Vielfalt an dramatischen Spielarten hervorgebracht.

Die Gelegenheitsdramen, geschrieben für Vereinstagungen, feierliche Anlässe, gestalten sich zum Festspiel. Karl Römers Vorspiel zur sächsischen Schillerfeier in Agnetheln (1905), Oskar Wittstocks Aus deutschem Frauenleben (1900), Anna Schuller-Schullerus´ De Arbet (1899) sind dafür repräsentativ. Auch Friedrich Reimeschs Mannesmut und Frauenlist (1912) war als Festspiel zur Erinnerung an die Belagerung der Honigberger Kirchenburg durch Gabriel Báthory entstanden.

Soll nun das Wesentliche und Charakteristische im dramatischen Schaffen der Zeit noch einmal zusammengefasst werden, ist am augenfälligsten, dass die Zeitspanne 1890–1900 und darüber hinaus bis 1919 die Zeit des eigenständigen Bauerndramas ist, und zwar in dem Sinne, dass vorzüglich Stoffe aus dem bäuerlichen Milieu in den verschiedensten dramatischen Spielarten für die Dorfbühne bearbeitet wurden.

Das Volksstück mit Gesang und das historische Volksstück, das Musikdrama und die Volksoper, das Lustspiel in Mundart und Hochsprache sind für diese Periode kennzeichnend. Beachtet werden muss hierbei, dass die Benennung der einzelnen Spielarten von den Autoren unterschiedlich gehandhabt wird und nur in seltenen Fällen den eigentlichen Anforderungen der entsprechenden Darstellungsart nachkommt.

Das Drama "in gehobenem Ton" in klassischer deutscher Tradition stehend gehört der vorangegangenen, das moderne siebenbürgisch-sächsische Drama der kommenden Epoche an.

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Epilog: Hundert Jahre Forschung in drei Werken der Sekundärliteratur

Für das collageartige Textmosaik zu Siebenbürgens dramatischer Literatur bis zu seiner Eingliederung in das rumänische Staatsgebilde sind Textbausteine aus den folgenden Werken – einschließlich ihrer Quellen – verwendet worden:

Die deutsche Literatur Siebenbürgens, Band 1, Herausgegeben von Joachim Wittstock und Stefan Sienerth, München 1997.

Die Literatur der Siebenbürger Sachsen in den Jahren 1849-1918, Redigiert von Carl Göllner und Joachim Wittstock, Bukarest 1979.

850 Jahre Siebenbürger Sachsen, Herausgegeben von der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e. V., München 1991.

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© 1999 Email schickenLandesgruppe@siebenbuerger-sachsen-bw.de, Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V. spring an den Anfang des Dokumentes