(Wappen) Siebenbuerger Sachsen in Baden-Württemberg (Wappen)
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13. Dichtung in der ersten Muttersprache

Horst Schuller Anger

Wer die Eigenart einer ethnischen Minderheit in ihren Wesenszügen, also nicht nur in ihrer faktischen historisch-sozialen Sturktur, sondern auch in ihren geistigen Lebensäußerungen näher bestimmen will, wird nach den Kunstbedürfnissen und der Art ihrer Befriedigung sowie nach den von der Gruppe selbst hervorgebrachten Kunsterzeugnissen fragen. Die Siebenbürger Sachsen haben ihre geschichtliche Erfahrung und ihre geistige Produktivität u. a. auch in literarischen Widerspiegelungen und Entwürfen der Mit- und Nachwelt vermittelt. Diese Literatur ist im Dialekt, im mittelalterlichen Latein, der länderübergreifenden Gelehrtensprache, und in der deutschen Hochsprache verfasst worden.

Für die Sprecher der siebenbürgisch-sächsischen Mundart ist dies in jahrhundertlangen Mischungs- und Ausgleich-Vorgängen entstandene Idiom das, was Dialekt früher allgemein gewesen ist: die ursprüngliche Muttersprache. Kennzeichnend für die bis vor Jahren in rund 250 Dörfern, Gemeinden und Städten Siebenbürgens gesprochenen unterschiedlichen "sächsischen" Mundarten ist vor allem ihr vokalischer Reichtum, der sich daraus ergibt, dass die einwandernden Siedler nicht aus einem eng begrenzten einzigen Ursprungsgebiet und nicht in einer kurz ansteckbaren Siedlungsperiode ins Land gekommen sind. Durch die verstreut erfolgte Ansiedlung kam es weiter zu einer landschaftlichen Aufsplitterung, die eine fortschreitende Differenzierung der Ortsmundarten bewirkte. Ähnlich wie in der Schweiz und in Luxemburg ist der Dialekt bei allen Schichten der Siebenbürger Sachsen die mündliche Kommunikationsform im Alltag gewesen. Diese soziologische Stellung, insbesondere aber die auffällige, von Besuchern, Gelehrten und später von Radiohörern und Hitparadenanhängern wahrgenommene ähnliche Lautung hat den Eindruck naher Verwandtschaft zwischen dem Siebenbürgisch-Sächsischen und dem Luxemburgischen genährt. Selbst wenn sich eine direkte Beziehung zwischen beiden westfränkisch geprägten Mundarten wissenschaftlich nicht beweisen lässt und die erwähnten Ähnlichkeiten sich eher als gemeinsames Reliktmerkmal erweisen, lebt der Glaube an diese Verwandtschaft hier wie dort weiter und beeinflusst politische Sympathien und wohl auch die jüngst gezeigte Bereitschaft Luxemburgs, sich im Denkmalschutz des historischen Baukerns von Hermannstadt zu engagieren.

Da etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts neben und an Stelle der über den Ortsformen stehenden siebenbürgischen Verkehrsmundart, der "gemeinen Landsprache", in Schule, Kirche und Verwaltung das Hochdeutsche breite Verwendung fand, bildete sich für die Sprecher die Situation einer doppelten Muttersprache heraus: der Dialekt als Erfahrungssprache im Alltag, die Hochsprache als Wissenssprache. Dazu kam die der jeweiligen staatlichen Zugehörigkeit entsprechende Staats- und Behördensprache, das Ungarische bzw. das Rumänische. Mit dieser Tatsache und mit der positiven Spannung zwischen Dialekt und Hochsprache müssen nicht nur die Sprecher, sondern auch die Autoren fertig werden. Siebenbürgische Schriftsteller von Rang, wie der Erzähler Erwin Wittstock, haben diese Eigenheit schöpferisch für die bewusste Entwicklung einer eigenen Diktion in ihren hochdeutschen Arbeiten zu nutzen gewusst.

Die ersten mündlich verbreiteten Volksdichtungen der Siebenbürger Sachsen sind in der Mundart entstanden. Durch die im 19. Jahrhundert von Volkskundlern angeregte und betriebene Sammlerarbeit, vor allem durch Friedrich Wilhelm Schusters Siebenbürgisch-sächsische Volkslieder, Rätsel, Zauberformeln und Kinderdichtungen (1865), aber auch durch Veröffentlichungen von Haltrich, Schullerus oder Brandsch sind diese durch Jahrhunderte tradierten volksdichterischen Überlieferungen in Mundart überhaupt erst fixiert und damit überschaubar gemacht worden. Durch ihre Veröffentlichung wurden sie als weiterwirkende Vorlagen für eine volkstümliche, mundartliche oder hochsprachliche Autorendichtung greifbar. So kommt es, dass zum Beispiel jenes im siebenbürgisch-sächsischen, übrigens auch im südosteuropäischen Volkslied anzutreffende Waisenkinder-Motiv seit dem 19. Jahrhundert bis in unsere Tage hinein von mehreren bekannten Autoren rezipiert und variiert worden ist.

Als die ersten gedruckten Verse in siebenbürgisch-sächsischer Mundart, die zur Autoren-Kunstdichtung zu zählen sind, galten in der Literaturgeschichte jene 1679 von Valentin Franck von Franckenstein verfassten Zeilen, die er in einer mehrsprachigen Übersetzung von hundert Ovid-Epigrammen (Hecatombe Sententiarum Ovidianarum) veröffentlicht hatte.

Mittlerweile haben 1987 mitgeteilte Archivforschungen Texte identifiziert, die zehn Jahre älter sind als jene Franckensteins. Es handelt sich um ein Glückwunschgedicht des Kronstädter Studenten Paulus Francisci in sächsischer Mundart, das 1668 im Anhang einer Staßburger Disputation gedruckt wurde. Und es ist anzunehmen, dass es Mitte des 17. Jahrhunderts auch weitere Gelegenheitsdichtungen in sächsischer Mundart gegeben hat.

Sprachgeschichtliche, sprachvergleichende Gründe führten im Laufe der Jahrhunderte zur Sammlung und Veröffentlichung von Dialekt-Wortlisten (die erste 1666 durch J. Tröster in Das Alt- und Neu Teutsche Dacia), zu ersten Proben gebundener Rede, zu Gedichten, die ein anschauliches Sprachbeispiel liefern wollten. So wurde 1781 ein Lob des Winters von Johann Seivert als Sprachmuster für Dorfmundart mitgeteilt. Vom aufklärerischen Arzt Andreas Wolf erschien 1792 in Hermannstadt ein schmales Bändchen mit zum Teil recht derben Hochzeitsversen im Dialekt, die in mündlicher Überlieferung und Abwandlung bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Umlauf waren.

Anlass zu wortetymologischen und komparatistischen Überlegungen bot dem Polyhistor Johann Karl Schuller die 1840 von ihm selbst herausgegebene Anthologie Gedichte in siebenbürgisch-sächsischer Mundart. Schuller druckte 23 Texte ab, und zwar Volkslieder sowie Gelegenheitsgedichte verschiedener Autoren, von denen uns S. G. Brandsch und Susanna Löprich als die begabtesten erscheinen. Diese eher philologisch als literarisch motivierte Sammlung regte u. a. den jungen Viktor Kästner zum Schreiben von mundartlicher Kunstpoesie und zum Sammeln bildhafter Wörter und Wendungen an.

Der unmittelbare Anstoß zu Schullers Anthologie kam von außen, von August Credner in Gotha, von dessen philologischer Neugier. Ebenfalls von außen kam die Anregung zur ersten systematischen Beschreibung und Analyse der mundartlichen Kunstdichtung der Siebenbürger Sachsen.

Prof. Dr. Robert Fr. Arnold von der Universität Wien bewog den Studenten Rudolf Hörler, seine Dissertation diesem Thema zu widmen. Hörler war kein Siebenbürger Sachse, hatte aber einen Teil seiner Jugendjahre in Siebenbürgen verbracht und zwecks Abschluss der Doktorarbeit im Sommer 1913 eine Studienreise durch Siebenbürgen unternommen. Auf Hörlers Arbeit stützte sich u. a. auch Karl Kurt Klein in der Einschätzung siebenbürgischer Mundartliteratur am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Um die Jahrhundertwende erlebte die Mundartdichtung eine Blütezeit; in der Zeitspanne von 1888 bis 1901 wurden insgesamt 72 neue Verfassernamen gezählt. Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs schien es so, als hätte die mundartliche Kunstdichtung im Vergleich zur hochdeutschen Dichtung einen höheren Stellenwert. Im Frühjahr 1889 beabsichtigten junge siebenbürgische Akademiker sogar eine sächsische Zeitschrift zu gründen bzw. die Tagespresse dazu zu bewegen, das sonntägliche Unterhaltungsblatt im Dialekt erscheinen zu lassen. Des Sächsischen bediente man sich gelegentlich auch in der privaten Korrespondenz.

Mit Aufnahme der deutschen Nationalitätengruppen in den 1918 vergrößerten rumänischen Staat bemühte sich die rumäniendeutsche Literatur um Überregionalismus und europäische Geltung. Da eine Literatur in der Hochsprache zumindest vom Idiom her bessere Chancen der ersehnten Breitenwirkung erhoffen konnte, hätte man annehmen können, dass das Interesse für Mundartliteratur geschwunden sei. Doch gab es auch in der Zwischenkriegsperiode eine kontinuierliche literarische Produktion im siebenbürgischen Dialekt, die Bedürfnisse der Kinderliteratur (Helene Platz) wahrnahm, Autoren wie Anna Schuller-Schullerus, Otto Piringer und Schuster Dutz durchsetzte und die Dorfbühnen mit Stücken und Schauspielen (von Hans Lienert, J. Eisenburger, Grete Lienert-Zultner, G. Hermann-Müller, Otto Reich) versorgte. Zu den 1914 gezählten 23 Stücken kamen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges noch mindestens ein Dutzend Mundartstücke hinzu.

Die von Schuster Dutz 1925-1926 geleitete Monatszeitschrift in Mundart Bäm Hontertstreoch versuchte ganz speziell, für Autoren im Dialekt konzentrierte Wirkungsmöglichkeiten zu bieten, wobei neben der "Heimatkunst"-Entwicklungslinie auch Vertreter des Dorfrealismus (Michael Königes) und vor allem der Bürgersatire (Schuster Dutz) zu Wort kamen.

Für die effiziente Vermittlung mundartlicher Kunstdichtung, ja für ihren Übergang zur Volksdichtung haben in erster Linie Vertonungen und wiederholte Auflagen von Liedersammlungen gesorgt, die von Einzelpersonen oder von verschiedenen Singgemeinschaften, Nachbarschaften und Verbänden herausgebracht wurden.

In den verschiedenen siebenbürgischen Gedichtsammlungen (1915, 1928, 1930, 1935), die ein Panorama lokaler oder gesamtrepräsentativer lyrischer Leistungen vorführen wollten, waren jeweils auch sächsische Mundartautoren vertreten, ohne dass jedoch eine gesonderte Anthologie mit Dichtung im Dialekt zusammengestellt worden wäre.

Anfang der vierziger Jahre, mit der Faschisierung Rumäniens und der administrativ einebnenden Kulturpolitik der "Deutschen Volksgruppe", standen die Chancen für widerständig Lokales, für beharrende Partikularität und ein traditionell christlich geprägtes Weltbild schlecht. Die Leitung der Volksgruppenorganisation verbot den Gebrauch der Mundart in ihren Dienststellen. Unverkaufte Bestände von Piringers Merenziker wurden eingestampft, weil an mundartlicher Literatur angeblich kein Bedarf mehr bestand. Auch das Zusammenlegen der beiden großen Regionalzeitungen, des Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatts und der Banater Deutschen Zeitung zur Südostdeutschen Tageszeitung, waren Zeichen einer kulturpolitischen Gleichschaltung.

Eine der ersten Veröffentlichungen nach Kriegsende war im Herbst 1945 die von Herman Roth ausgewählte und eingeleitete Sammlung Alte sächsische Gedichte. Es handelte sich um mundartliche Volksdichtung, die als erstes Heft einer Schriftenreihe zur "Sächsischen Selbstbesinnung", zur Klärung angeschlagenen Selbstwertgefühls und der durch Krieg und Nachkrieg in Frage gestellten Identität abgedruckt wurde. Der Herausgeber ahnte nicht, dass er, übrigens auch ein ausgezeichneter Übersetzer rumänischer Lyrik, u. a. deswegen später von den nationalkommunistischen Ideologiewächtern in Rumänien als ethnischer Separatist denunziert und verhaftet werden sollte. Dass Jahre verstreichen mussten, bis weitere Bücher in siebenbürgisch-sächsischer Mundart erscheinen konnten, lag an der offiziellen Kulturpolitik und ihren Vorurteilen: Mundart isoliere vom allerseits einsehbaren Sprach- und Gedankenverkehr, sie unterstütze beharrende Tendenzen und sei deshalb aus proletkultistischer Sicht dem vorangetriebenen Industrialisierungsprozess und den Vorgängen gezielter gesellschaftlicher Vereinheitlichung nicht dienlich.

Differenziertere Einsichten in literarische Formen und Funktionen setzen sich, von wechselnden Konjunkturen immer wieder in Frage gestellt, erst allmählich und unter dem Zeichen wissenschaftlicher Neuwertung des Kulturerbes durch. 1956 kam die erste Auflage mit Geschichten und Gedichten des von Vortragsabenden auch neuen Publikumsschichten gut bekannten Schuster Dutz heraus. Wieder Jahre später erschienen in Buchform Texte von Michael Königes (1963), Helene Platz (1971), Anna Schuller-Schullerus (1972), Otto Piringer (1975), Karl Gustav Reich (1976) und Maria Gierlich-Gräf (1981).

Mitte der sechziger Jahre begann die rumäniendeutsche Zentral- und Regionalpresse das liberalere geistige Klima zu nutzen und der Mundart mehr Aufmerksamkeit zu schenken sowie journalistische Formen einzusetzen, die über die Brücke des Dialekts einen besseren Leserkontakt versprachen. Es erschienen Lokalstandpunkte im Dialekt, aber auch Rubriken über die Arbeit am siebenbürgisch-sächsischen Wörterbuch. Komponisten wie Norbert Petri und Andreas Profetye setzten ihr öffentliches Ansehen ein, um (1958, 1967, 1971, 1972) die Tradition der sächsischen Chorbücher weiterzuführen. Im Bukarester Musikverlag erschienen 1980 siebenbürgische Volkslieder (auch mit deutscher und rumänisch übersetzter Fassung) in der Bearbeitung des Komponisten Hans Peter Türk, die schließlich zwei Jahre später auch vom Bukarester Schallplattenhaus aufgenommen wurden. Weitere Schallplatten mit Volksliedern und volkstümlichen Liedern, z. B. von Maria Gierlich-Gräf und Grete Lienert-Zultner, später dann auch die deutsche Fernsehsendung des Bukarester Studios, Dialektabende der Temeswarer und Hermannstädter deutschen Bühne trugen dazu bei, dass Dialekt nicht als Kuriosum, sondern als normales Verständigungsidiom im Alltagsleben breiter Schichten der jeweiligen Region begriffen wurde.

In Ermangelung neuer Mundartstücke griffen die siebenbürgischen Laienbühnen auf Texte aus der Zwischenkriegszeit zurück bzw. spielten aus dem Manuskript Stücke u. a. von Karl Gustav Reich, Grete Lienert-Zultner, Erhard Antoni, Maria Haydl, Gunda Heitz-Werner, Friedrich Schuster, Wilhelm Meitert. Auch wurden Stücke aus dem Hochdeutschen oder solche aktiver schwäbischer Autoren aus dem Banat ins Sächsische übersetzt. Durch Preisausschreiben der Presse wurde dann die Produktion von etwa fünfzig neuen Bühnenstücken unterschiedlicher Qualität angeregt, die freilich nur zum Teil in Mundart verfasst wurden.

Für die Entwicklung neuer siebenbürgisch-sächsischer Dialektdichtung waren die gegen manchen Widerstand durchgesetzten und verteidigten periodischen Autorentreffen und Beratungen von Bedeutung. Sie ermöglichten in der Kombination von Seminarrunde und öffentlichem Auftritt das Lernen am Beispiel. Es gab von 1977 bis 1988 insgesamt sechs solcher von der siebenbürgischen Regionalpresse organisierter und moderierter Treffen in Kerz, Zeiden, Urwegen, Schässburg, Agnetheln, Stolzenburg.

Der Gewinn war ein mehrfacher. Diese Gelegenheitstexte, die zunächst von den Forderungen ländlicher Kulturveranstaltungen oder Nachbarschaftsfeste angeregt wurden, konnten Themen wie Auswanderung, Landflucht, problematisiertes Heimatgefühl, Zerfall der Dorfgemeinschaft, Deportation, Umweltschädigung durch rücksichtslose Industrialisierung anklingen lassen, die offiziell einem strengen Tabu unterlagen. Die von der Gelegenheit herausgeforderten Autoren, die einem differenzierten Erfahrungsspektrum entstammten und nicht nur dem traditionell an das Verfassen von Texten gewöhnten Lehrer- oder Seelsorgerberuf, brachten detailsichere Beobachtungen, authentische Redeweise und zwanglosen Umgang mit konventionellen Formen und herkömmlichen Themen (Heimatliebe, Heimweh) in ihre als Gebrauchstexte intendierten Gedichte ein.

Eine Dokumentation des Sachstandes kurz vor der politischen Wende in Rumänien habe ich in dem Band Vill Sprochen än der Wält. Dichtung im Dialekt (Klausenburg, Dacia Verlag, 1988) versucht. Dieser Band, der mehr als 140 Jahre nach J. K. Schullers erster Sammlung von Mundartgedichten erscheinen konnte, will volkspoetische Zeugnisse einer Lebensform festhalten, deren Gefährdung und gestundete Zeit offensichtlich war. Eingriffe der Verlagszensur klammerten allerdings nach dem damals verordneten Usus alle Beiträger aus, die zu jenem Zeitpunkt nicht mehr in Rumänien lebten. So müsste also zur Vervollständigung des Bildes noch eine ganze Reihe von Namen wie Thomas Buortmes, Katharina Ehrmann, Martha Ehrmann, Hans Franz, Misch Guist, Helga Krauss, Heinrich Oczko, Eduard Stoof u. a. hinzugefügt werden, deren Texte zwar nicht in Buchform, aber in der Mundartrubrik der Kronstädter Karpatenrundschau zu lesen gewesen sind.

Soweit sich das beurteilen lässt, scheint die sächsische Dialektdichtung der Aussiedler in der Bundesrepublik Deutschland zunächst als nunmehr ungehindertes Zitat in Chorliedern oder Bühnenaufführungen, später in den Originaltexten von Paul Rampelt und Karl Gustav Reich weitergelebt zu haben. Als Identitätskomponente ließen sich im angestrebten, aber von Missverständnissen und fehlgeleiteten Erwartungen nicht freien Integrationsprozess viel eher die optischen Signale bunter Tanz- und Vorführtrachten einsetzen, ohne Kommunikationshürden zu riskieren.

In den Musik, Tanz, Gesang und Text zusammenführenden Brauchtumsabenden, die mit viel Publikumserfolg gezeigt werden, lebt die nicht zu verdammende Sehnsucht nach den schönen Seiten abgelaufener siebenbürgischer Existenz, die mit wachsendem Zeitabstand zur realen Erfahrung zunehmend in märchenhafte Verklärung gerückt wird.

Dass Dichtung im Dialekt, nicht nur im siebenbürgisch-sächsischen oder banatschwäbischen, auch heute noch in mehreren deutschen Gebieten Autoren und Zuhörer findet, ist ein Beweis des Widerstands gegen den zentralistischen oder gar globalen Uniformisierungsdruck der Mediengesellschaft. Dichtung im Dialekt kann Verteidigung von Individualität, Diversität, Freiraum (am Rand) bedeuten.

Im Falle ausgesiedelter Autoren aus Siebenbürgen, die sich zu gemeinsamen Lesungen oder gemeinsamen Buchveröffentlichungen, mithin zu einem Vorgang der Selbstvergewisserung zusammenfinden, hilft das dichterische Reden in der ersten Muttersprache wahrscheinlich, sich dem Eingliederungsprozess bewusster und in Würde zu stellen, mit Verzicht, Verletzung, Fremdheitserfahrung sowie neuen Wertekategorien und veränderten Perspektiven produktiv fertig zu werden.

 

Literatur

* * * Die Literatur der Siebenbürger Sachsen in den Jahren 1849-1918. Redigiert von Carl Göllner und Joachim Wittstock. Bukarest, 1979.

* * * Eigener Biß. / Volkstheater. Renaissance der Dialektbühne. In "Der Spiegel". Das deutsche Nachrichtenmagazin (Hamburg). 38. Jg. (1984), Nr. 4, S. 173-180.

* * * Mut zum Dialekt: Gedichte in Mundart, Kommentare, Aufsätze. In "Akzente". Zeitschrift für Literatur. (München). 23. Jg. (1976), Heft 2 und 4.

Brandsch, Gottlieb, 1931: Siebenbürgisch-deutsche Volkslieder. I. Band: Lieder in siebenbürgisch-sächsischer Mundart. Zweite, umgearbeitete und vermehrte Auflage der Sammlung "Siebenbürgisch-sächsische Volkslieder" von Fr. W. Schuster.

Capesius, Dr. Bernhard,1971: Nicht gelbes Gold, nicht grüne Seide. Die sächsische Mundartdichtung in Vergangenheit und Gegenwart. In "Neuer Weg" (Bukarest), 23. Jg., Nr. 6795, 6801, 6807.

Capesius, Bernhard, 1965: Wesen und Werden des Siebenbürgisch-Sächsischen. In "Forschungen zur Volks- und Landeskunde", Band 8, Nr. 1, S. 5-26.

Csaki, Richard, 1916: Jenseits der Wälder. Eine Sammlung aus acht Jahrhunderten deutscher Dichtung in Siebenbürgen. W. Krafft.

Grass, Günter,1980: Das Gelegenheitsgedicht . . . In "Aufsätze zur Literatur", Darmstadt und Neuwied.

Hörler, Rudolf, 1915: Die mundartliche Kunstdichtung der Siebenbürger Sachsen. In "Archiv des Vereines für siebenbürgische Landeskunde", Neue Folge, 39. Band.

Kessler, Oswald (Hrsg.), 1996: Af deser Weld als Gast dahim. Gedichte in Siebenbürgisch-sächsischer Mundart. München.

Markel, Michael, 1977: Siebenbürgisch-sächsische Mundartdichtung heute. Elf Thesen zu ihren Möglichkeiten und Grenzen. In "Die Woche" (Sibiu), Nr. 517 und 518; nachgedruckt in einer xerografierten Textdokumentation zum Zeidner Mundartautorentreffen (1979) und in "Reflexe II". Aufsätze, Rezensionen und Interviews zur deutschen Literatur in Rumänien. Herausgegeben von Emmerich Reichrath, 1984.

Markel, Michael, 1982: Zuordnungsfragen der siebenbürgischen Dorfliteratur. In "Transsilvanica 2". Studien zur deutschen Literatur aus Siebenbürgen.

Markel, Michael, 1987: Sieben Geißlein im Gedicht. Der Agnethler Maler Michael Barner als Mundartdichter. Interpretation eines Textes aus dem Nachlass. In "Karpatenrundschau", 20. Jg., Nr. 21.

Nussbächer, Gernot; Ambrosius, Hannelise, 1987: . . . und nütz dem Vaterland. Ein Glückwunschgedicht von 1668 in sächsischer Mundart. In "Karpatenrundschau", 20. Jg., Nr. 2.

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Scheiner, Andreas, 1928: Die Mundart Simon Gottlieb Brandschs. Ein Beitrag zur Geschichte der Mediascher Mundart.

Scheiner, Andreas, 1933: Die Sprache des Teilschreibers Georg Dollert. In "Archiv des Vereins für siebenbürgische Landeskunde", Bd. 47.

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Schuller Anger, Horst, 1988: Vill Sprochen än der Wält. Dichtung in Dialekt. Bukarest.

Schuller, J. K., 1840: Gedichte in siebenbürgisch-sächsischer Mundart.

Sedler, Werner, 1987: Von der "Gründung" bis "Det irscht Meol". Agnethler Dialektautoren gestern und heute. In "Karpatenrundschau", 20. Jg., Nr. 25, 26, 27.

Segebrecht, Wulf, 1977: Das Gelegenheitsgedicht. Ein Beitrag zur Geschichte und Poetik der deutschen Lyrik. Stuttgart.

Sienerth, Stefan, 1978: Chancen rumäniendeutscher Mundartliteratur. In "Neue Literatur", 29. Jg., Nr. 2.

Wasler, Martin, 1972: Bemerkungen über unseren Dialekt. In "Heimatkunde". Aufsätze und Reden. Frankfurt am Main, S. 51-57.

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