(Wappen) Siebenbuerger Sachsen in Baden-Württemberg (Wappen)
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21. Kulturarbeit

Johann Schuster

Die Hauptaufgabe des Landeskulturreferates Baden-Württemberg wird auch in Zukunft die Pflege des siebenbürgischen Kulturgutes sein, wobei wir uns dessen bewusst sind, dass es der richtige Weg ist, Altes zu wahren und uns Neuem nicht zu verschließen, sowohl im Sinne der Werte als auch im Hinblick auf Formen und Methoden. Bereits vorhandene bewährte Wege der Kulturpflege müssen im 21. Jh. fortgesetzt werden, neue werden sich als erforderlich erweisen. Diese Kulturpflege wird nach wie vor in einer großen Formenvielfalt und auf verschiedenen Ebenen stattfinden, wobei im Wesentlichen alle von der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen initiierten Maßnahmen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, Schritte in diese Richtung darstellen.

Das Land Baden-Württemberg fördert die kulturelle Breitenarbeit nach § 96 Bundesvertriebenengesetz im Rahmen der im Staatshaushaltsplan verfügbaren Mittel durch finanzielle Zuwendungen.
Diese Förderung dient dem Ziel, das Kulturgut der Vertreibungsgebiete sowohl im Bewusstsein der Vertriebenen, Flüchtlinge und Spätaussiedler als auch in dem des gesamten deutschen Volkes und des Auslands zu erhalten, Archive, Museen und Bibliotheken zu sichern, zu ergänzen und auszuwerten sowie die Einrichtungen des Kulturschaffens und der Ausbildung sicherzustellen. Die Förderung geht sogar so weit, das deutsche Kulturgut in den Herkunftsgebieten der Vertriebenen und Spätaussiedler zu pflegen und die Weiterentwicklung der Kulturleistungen vor Ort zu begünstigen.

Im Wesentlichen stimmen die Ziele dieser Förderung mit dem Großteil der typischen Ausdrucksformen unserer Kulturpflege überein. Obwohl der Fortbestand der Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen selbst nicht mehr gewährleistet ist, das Ende dieser Kultur vor Ort also in Sicht ist, besteht nicht nur das Bedürfnis, sondern auch die Notwendigkeit, das kulturelle Leben dieser kleinen Gruppen, solange es sie noch gibt, zu unterstützen und zu fördern. Dieser Aufgabe dienen Aktionen wie Hilfe für Siebenbürgen, Pflege der Kirchen, Kirchenburgen, Friedhöfe und anderer sichtbarer Kulturstätten, aber auch gemeinsame Maßnahmen mit in Siebenbürgen lebenden Landsleuten, Traditions- und Gedenkveranstaltungen in der alten wie in der neuen Heimat.

Unsere Kulturpflege in Deutschland wird sich insgesamt auch weiterhin auf zwei wesentliche Bereiche erstrecken, die ihrerseits dann auch die jeweiligen Ziele bestimmen werden: zum einen die aktive Kulturarbeit, die sich in den verschiedenen Gruppen wie Chöre, Orchester, Tanz- und Theater-, Frauen- und Kindergruppen entfaltet, zum anderen die passive Kulturtätigkeit, die sich auf das Publikum, Zuhörer bzw. Zuschauer bezieht.

Wichtig dabei sind die Erkenntnis und das Bewusstsein, dass die von uns gepflegte Kultur Teil der gesamten deutschen Kultur ist. Es gibt keine ostdeutsche oder siebenbürgische Kultur; das, was wir oft als solche bezeichnen, ist ein Mosaikstein im großen Panoramabild der deutschen Kultur. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die Feststellung des einen oder anderen Politikers, unser kultureller Beitrag hier in Deutschland sei eine Bereicherung der kulturellen Vielfalt in diesem Lande.

Höhepunkte der siebenbürgischen Kulturpflege in Deutschland sind unsere Kulturtage, die jedes Jahr von einem anderen Bundesland ausgerichtet werden und ihre wichtigste Aufgabe in der Öffentlichkeitsarbeit und Integration sehen, eine Form der Vermittlung unseres Kulturgutes, die auch in Zukunft mit höchster Intensität gepflegt werden muss.

Ein Spiegel unseres kulturellen Erbes ist das Siebenbürgische Museum in Gundelsheim. Hier besteht die Möglichkeit, dem Außenstehenden binnen kurzer Zeit einen Überblick über die gesamte siebenbürgische Lebensweise zu vermitteln, eine Kulturstätte, deren Bedeutung sich in Zukunft steigern wird.

Zur Pflege der siebenbürgischen Einrichtungen tragen unterschiedliche Stiftungen bei. Für die Verantwortlichen auf kulturellem Gebiet werden regelmäßig Kulturtagungen mit sachkundigen Referenten organisiert.

Einen bedeutenden Stellenwert in unserer Aktivität haben die Heimatortsgemeinschaften, die auf überregionaler, regionaler oder lokaler Ebene die Tradition pflegen und ausüben. In den Ortsmonographien versuchen sie die Vielschichtigkeit des Lebens in den siebenbürgischen Ortschaften darzustellen, die für uns Siebenbürger Sachsen Heimat und Geborgenheit waren.

Die Ortsmonographien sind Zeugen einer untergehenden Kulturlandschaft, ein Spiegel einer über 850 Jahre währenden Gemeinschaft. Kreisgruppen und HOGs sind ihrerseits auf die Siebenbürgische Zeitung angewiesen, um mit ihren Aktivitäten an die breite Öffentlichkeit zu gelangen. In Zukunft muss auf effizientere Zusammenarbeit zwischen den Kreisgruppen der Landsmannschaft und den HOGs geachtet werden. Ein etwaiges Rivalitätsbewusstsein dieser beiden Ebenen der Kulturpflege wäre der gemeinsamen Sache keinesfalls dienlich.

Innerhalb der Kreisgruppen haben sich unsere Kulturgruppen gebildet, Organisationsformen mit vordergründig künstlerisch-kulturellem Anliegen, die aber nach wie vor einen nicht minder bedeutenden sozialen Charakter und Auftrag haben. Allerdings ist in Zukunft eine deutliche Akzentverschiebung im Hinblick auf die Ambivalenz ihrer Rolle erforderlich: Sahen sie anfangs ihre Aufgabe in erster Linie im sozialen Bereich, indem sie ausgesiedelten Landsleuten, insbesondere in der schwierigen Anfangssituation, Geborgenheit, Wärme, Zusammenhalt, Gemeinschaft, Information, Orientierung, Erfahrungsaustausch boten, so ist bereits heute und in Zukunft noch viel deutlicher der künstlerische Aspekt zu beachten.
Nur auf diese Weise wird es unseren Kulturgruppen gelingen, neben diesem zweifelsohne durchaus auch in Zukunft wichtigen sozialen Auftrag in ihren primären Aufgabenbereich hineinzuragen: Wahrung und Pflege des siebenbürgischen Kulturguts, aber und dies ist keineswegs als zweitrangig zu betrachten auch Integration in die gesamtdeutsche Kulturgutpflege, in die Kulturpflege überhaupt. Das ist die einzige Möglickeit, um einerseits unserer Mittlerrolle zwischen Ost- und Westeuropa gerecht zu werden und uns andererseits auch kulturell in die neue Heimat zu integrieren.

Die stattliche und in der Regel ständig steigende Mitgliederzahl dieser Gruppen ist ein Beweis dafür, dass sie immer noch einen Identifikationshort für unsere Landsleute darstellen.
Allerdings geht dieser betont soziale Charakter der Kulturgruppen mitunter nicht nur zu Lasten der erbrachten Qualität, er kann sich auch auf die individuelle soziale Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft insoweit negativ auswirken, als Initiative und Bemühung um Anpassung, die hierfür durchaus erforderlich, jedoch teilweise unbequem sind, nicht ausreichend entwickelt werden. In Zukunft müssen die Organisatoren und Verantwortlichen diese Aufgabe, die gewissermassen eine Gratwanderung ist, mit viel Augenmaß wahrnehmen.

Um Problemen der Kontinuität und Zukunft der Kulturgruppen zu begegnen, müssen verstärkt Kinder und Jugendliche herangezogen werden. Neben den erfreulicherweise recht zahlreich vorhandenen Kindertanzgruppen sollten mehr Kinderchöre gegründet werden, die den Nachwuchs für die bereits existierenden, jedoch im Durchschnitt überalterten Erwachsenenchöre gewährleisten.

Insgesamt gilt es, die Qualität und damit das Niveau zu steigern. Dass es diesbezüglich immer schon Ansätze gegeben hat, ist unter anderem an Spannungen zwischen einigen Kulturguppen und ihren künstlerischen Leitern erkennbar, die bestrebt sind, den Schwierigkeitsgrad der einzuübenden Stücke zu erhöhen. Mittelmäßigkeit muss bekämpft werden, auch gegen den Willen der einzelnen Mitglieder.

Über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen bedeutet unter anderem das Repertoire zu erweitern, es auch auf internationales Kulturgut auszudehnen.

Nur so können z. B. unsere Chöre mit anderen Gesangvereinen mithalten. Die Mitgliedschaft in entsprechenden Organisationen, etwa im Deutschen Sängerbund, ist erstrebenswert, weil sie sowohl unserem Auftrag der Öffentlichkeitsarbeit als auch der Integration und darüber hinaus unserer Standortbestimmung zur eigenen Orientierung dient.

Die Zusammenarbeit mit anderen deutschen, und über dies sogar mit internationalen Kulturgruppen, ist zu fördern. Als verbindende Elemente könnten Landsleute dienen, die gleichzeitig Mitglieder anderer Formationen sind. Freundschaftstreffen wie Wettbewerbe wären möglich und würden Qualität, Öffentlichkeitsarbeit und Integration fördern. Begrüßenswert ist die Tatsache, dass immer mehr Kinder und Jugendliche hinzukommen, die in Deutschland geboren sind. Sie werden die Träger unseres Kulturgutes im 21. Jahrhundert sein. Es ist für die ältere Generation erfreulich und beruhigend, dieses zu wissen.

Außer Koffern und Kisten haben unsere Landsleute auch ein geistiges Gepäck mitgebracht, das sich der Kontrolle des Zollbeamten entziehen konnte und das den Kern der siebenbürgischen Kulturpflege in Deutschland darstellt. Die Archivierung aller Quellen ist von großer Bedeutung, stellt auch in Zukunft eine der wichtigsten Aufgaben unserer kulturellen Arbeit dar und muss sachgetreu durchgeführt werden.

Parallel dazu gilt es jedoch, das gelebte Brauchtum zu pflegen, und diese Aufgabe fällt eben diesen Kulturgruppen zu, damit es der nächsten Generation als auf die Bühne gerettete Tradition vermittelt werden und damit der breiten Öffentlichkeit als Nachweis unseres Ursprungs nahe gebracht werden kann, so gesehen also auch als Mittel zur Integration.

Angesichts der sozial-politischen Veränderungen in Rumänien, die auf das Ende der deutschen Kulturlandschaft Siebenbürgen hindeuten, findet siebenbürgische Kulturpflege in Deutschland nicht mehr, oder nicht mehr lange, parallel zur Kulturpflege vor Ort statt, sondern ersetzt diese und erhält dadurch andere Akzente. Daher erweist es sich als erforderlich, im Bereich der aktiven Kulturarbeit in Zukunft auch den individuellen Kunstschaffenden mehr Förderung zukommen zu lassen. Künstler wie Maler, Fotografen, Bildhauer, Dichter sollten unterstützt, ihre Werke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und dadurch als Kunst bewahrt werden.

Doch sind hier nicht nur die Laienkünstler angesprochen. Berufskünstlern, etwa Schauspielern oder Musikern, wird verstärkt die Aufgabe zukommen, auf Werke siebenbürgischer Literaten oder Komponisten aufmerksam zu machen, sie in das Repertoire der verschiedenen Theater- oder Konzerthäuser zu integrieren.
Das Kulturreferat der Landsmannschaft wird diesbezüglich noch intensiver koordinierend tätig sein.

Auch im Bereich der passiven Kulturtätigkeit ist in Zukunft auf höhere Ansprüche Wert zu legen, indem z. B. verstärkt auch sinfonische Konzerte, Dichterlesungen, Kulturreisen, Studienfahrten angeboten werden, um den Kulturgrad unserer Landsleute zu erhöhen. Darüber hinaus wird es sich weiterhin als erforderlich erweisen, dem passiven Teil des kulturellen Prozesses, nämlich dem Publikum, bewusst zu machen, dass es durch den Besuch der angebotenen Veranstaltungen den aktiven Teil, nämlich die Arbeit der Kulturgruppen, auf bestimmende Weise ermöglicht, unterstützt und beeinflusst.

Neue Perspektiven eröffnen sich heute im Zeitalter der Informations- und Kommunikationstechnik. Internet und Dokumentationsfilme bieten eine breitgefächerte Möglichkeit, die Bevölkerung über die Massenmedien zu erreichen. Auch angesichts des Überangebots an Information und Unterhaltung muss in Zukunft in besonderem Maße auf Qualität geachtet werden. Es reicht nicht aus, dass sich etwa unsere Kulturgruppen als Trachtenträger farbenprächtig präsentieren, es ist immer deutlicher zu erkennen, dass ein gewisses Niveau für den Erfolg erforderlich ist.

Das kulturelle Leben der Landsmannschaft, die über das ganze Land hinweg intensiv gepflegte Kulturarbeit, kann angesichts der Menge und der Vielfalt im 21. Jahrhundert nicht mehr von Stuttgart aus organisiert werden; vielmehr liegt es in der Kompetenz der Kreisgruppen, entsprechend ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten, die unterschiedlichsten Maßnahmen in die Wege zu leiten. Kultur ist ein offener, produktiver Prozess, der sich selbst organisiert, wobei jedoch jeder Einzelne dazu aufgerufen ist, seinen Beitrag zu leisten.


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