(Wappen) Siebenbuerger Sachsen in Baden-Württemberg (Wappen)
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20. Gedanken über die Frauenarbeit der folgenden Jahre

Christa Maria Andree

"Es weiß keiner von uns, was er wirkt und was er Menschen gibt. Es ist für uns verborgen und soll es bleiben. Manchmal dürfen wir ein klein wenig davon sehen, um nicht mutlos zu werden." Albert Schweizer
"Wer sich vornimmt, Gutes zu wirken, darf nicht erwarten, dass die Menschen ihm deswegen Steine aus dem Weg räumen." Albert Schweizer

Um nach vorne blicken zu können, muss man erst Rückschau halten: Wer sind die Frauen, über deren Zukunft wir uns Gedanken machen sollen? Woher kommen sie? Welche Erfahrungen bringen sie mit? Welches Wertgefühl erfahren sie von anderen und wie schätzen sie sich selber ein? Die Liste der Fragen könnte weiter geführt werden.

Die Mehrheit unserer Landsleute hat in den Dorfgemeinschaften Siebenbürgens gelebt. Die früher sicher noch strenger als in den letzten 50 Jahren geachteten Sitten und Bräuche haben das Überleben der 850 Jahre Siebenbürger Sachsen garantiert.
Bei genauer Betrachtung kann man die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau deutlich erkennen. Es gab nur Nachbarväter und am Richttag wurden die Frauen erst zum gemütlichen Teil zugelassen. Im Presbyterium wurde je eine Frau erst ab der 70er Jahre dieses Jahrhunderts zugelassen.
Das einzige Forum der Frauen war der Frauenverein, der nur soziale Zwecke erfüllte. Die Arbeit war genau verteilt: Der Mann besorgte die Arbeit außer Haus und die Frau war für Haus, Garten, Kinder und alte oder pflegebedürftige Personen zuständig. Dass Frauen auf der Männerseite mit anpackten, war oft der Fall, doch dass ein Mann einmal in der Küche nach dem Rechten sah, war eher die Ausnahme.

In den Zeiten des Sozialismus, der die Gleichberechtigung der Frau mit dem Mann "garantierte", wurde es besonders in den Städten zum Normalzustand, dass die Frau auch zur Arbeit außer Haus ging. Das brachte aber keine Arbeitsteilung im Haushalt, sondern eine Doppelbelastung der Frau, die den Haushalt immer noch so führen musste, als sei sie nicht berufstätig.

Diese Arbeitseinstellung haben viele Frauen in ihrem Ausreisegepäck mitgebracht. Hier galt es neu anzufangen, also ging die Doppelbelastung in vielen Fällen weiter. Man lebte unter einem gewissen Gruppenzwang, denn was die andern schon hatten, wollte man auch erreichen. Die Persönlichkeit der einzelnen Frauen war wie ein Samenkorn, das lange Zeit in der Erde geruht hatte und erst jetzt die ersten Triebe zeigte. Bei manchen Frauen sind daraus stabile Äste geworden, bei anderen sind sie klein geblieben oder gar wieder eingegangen.

Diese Betrachtungen werden von der Realität bestätigt. Wo immer die Landsmannschaft eine Veranstaltung organisiert, sind viele fleißige Frauenhände am Werk. Betrachtet man die Mitglieder eines Vorstandes, sei es auf Kreis-, Landes- oder Bundesebene, dann ist in der Regel die Mehrheit männlich, das bedeutet, dass man wohl in eine andere modernere Welt ausgereist ist, aber die alte Rollenverteilung mitgebracht hat. Dies soll kein Klagelied sein, denn wer unzufrieden ist, muss selber etwas ändern.

Die Erfahrungen der letzten Jahre haben deutlich gemacht, dass die Aufgaben der Frauenarbeit in der Landsmannschaft neu ausgerichtet werden müssen. Die Generation der Frauen, die zu den regelmäßigen Treffen kamen, um einen Vortrag zu hören oder in Gemeinschaft eine Handarbeit zu machen, wird leider immer älter. Daher wird die Zahl der Teilnehmerinnen immer geringer. Die jüngeren Frauen versuchen ihr Bestes, um sich und ihre Familie zu integrieren, ihre Zeit, sich landsmannschaftlich einzubringen, ist sehr begrenzt.

Aus meiner Arbeit der letzten Jahre erkenne ich folgende dringende Aufgaben:

    1. Sicherung aller noch so unscheinbaren Informationen über das siebenbürgische Leben. Dazu gehören:
    • Informationen aller Arten über Alltag und Brauchtum in jeder einzelnen Gemeinde, von der Beschreibung der Kleidung, der Essgewohnheiten bis hin zu den Hochzeitsmenüs u. ä.
    • Detaillierte Aufzeichnungen über verschiedene Arbeiten, die allgemein oder fachlich verrichtet wurden, sei es die Anfertigung der einzelnen Trachtenteile, das Aufsetzen des Webstuhles, das Flechten einer Peitsche, das Ansetzen von Obstessig.
    • Auflistung der Aufgaben der Frauen in Siebenbürgen in allen Lebensstationen, angefangen vom Kindbett, über Erziehung der Kinder, Erfüllung des Generationenvertrages in der Großfamilie bis hin zur Sterbebegleitung.
    2. Sammlung und Erhaltung von All- und Festtagskleidung nicht nur in Museen, sondern auch in gut betreuten Zentren, die der Allgemeinheit zugänglich sind.
    3. Heranziehen von begeisterungsfähigen jüngeren Leuten, die die Brücke zwischen der nun leider bald abgehenden Elterngeneration und der Enkelgeneration schlagen werden, um verschiedene Kenntnisse zu übernehmen und weiterzugeben.
    4. Vermittlung von Werten, die manchmal überholt oder veraltet scheinen: Es lohnt sich, den Kindern den sächsischen Dialekt als Sprachbereicherung beizubringen; ihnen Kindertrachten zu nähen, denn die meisten Kinder ziehen sie gerne an; ihnen von der alten Heimat zu erzählen, damit sie ein Gefühl für die Vielfalt dieser Erde bekommen.
    5. Die Betreuung der älteren Landsleute muss zum festen Bestandteil der Frauenarbeit werden, da hier neue Bedingungen für den Generationenvertrag gelten.
    6. Dem Beispiel des Frauenvereines von Drabenderhöhe nachfolgen, da der Frauenverein schon in Siebenbürgen eine wichtige Rolle gespielt hat.
Um diese Aufgaben zu meistern, muss ein intensiver Kontakt zu allen Heimatortsgemeinschaften hergestellt werden, um die vielen Einzelheiten festzuhalten, nicht nur schriftlich, sondern auch in Bildern.
Die einzelnen Kreisgruppen sollten sich bemühen, eine eigene Heimatstube einzurichten, weil sie eine Verlängerung der Lebensdauer der Kreisgruppe garantiert.

Aus Umfragen hat man erfahren, dass viele siebenbürgische Frauen auch in der neuen Heimat am gesellschaftlichen Leben aktiv teilnehmen. Die meisten von ihnen sind ehrenamtlich tätig für die Kirche (in Kirchengemeinderäten), für die Diakonie oder für andere wohltätige Vereine, viel weniger aber engagieren sich politisch. Dieses Feld überlassen sie doch ihren Männern.

Es gilt auch in Zeiten der Gleichberechtigung von Frau und Mann das Zitat von Elly Heuss-Knapp:
"Ob es in einer Familie licht oder dunkel ist, das hängt wirklich in erster Linie von den Müttern ab."


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