(Wappen) Siebenbuerger Sachsen in Baden-Württemberg (Wappen)
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"Unsichtbares Gepäck" zeigen

© 1996 Johann Lauer
 

In diesem Jahr (1996) wäre die siebenbürgisch-sächsische Lehrerin, Liedermacherin und Schriftstellerin Grete Lienert (1906-1989), geborene Zultner, 90 Jahre alt geworden. Ihre Lieder waren schon zu Lebzeiten bei allen Siebenbürgern bekannt und beliebt. Welche Siebenbürgerin oder Siebenbürger kennt nicht "De Astern", "Der Owend kit erun", "Iwer de Stappeln", "Bäm alden Apelbum", "Do der him blähn de Valcher". Allesamt "Ohrwürmer", die, wenn man sie einmal gesungen hat, kaum wieder vergißt.

Das Theaterstück "Äm Ihr uch Gläck" schrieb Grete Lienert mit 20 Jahren und schickte es Ihren Eltern nach Amerika. In Cleveland im Bundesstaat Ohio wurde es gedruckt und in Mundart von ausgewanderten Landsleuten erstmals aufgeführt. Auch in Siebenbürgen war dieses Theaterstück sehr beliebt.

Die Kreisgruppe Mannheim-Heidelberg hat dieses Stück zum erstenmal in der Bundesrepublik gespielt. Unter der Leitung von Mathilde Hopprich, die letztes Jahr plötzlich verstarb, wurde das Stück einstudiert und erstmals 1994 in Mannheim vorgeführt. Nach dem Tode von Frau Hopprich übernahm Brigitte Mosberger die Leitung. Organisation und Gesamtleitung liegt in den Händen des Kreisvorsitzenden Hans Wester.

In Amerika war es damals so ähnlich wie heute hier. Es lebten dort Menschen aus verschiedenen siebenbürgisch-sächsischen Dörfern zusammen, die unterschiedliche Trachten trugen und Dialekte sprachen. Auch bei dieser Aufführung trägt jeder seine Heimattracht und spricht seinen Dialekt.

Das Theaterstück handelt von Ehre und Glück. Es beschreibt die Schwierigkeiten, die man hatte und immer haben wird, wenn man im Leben beides gleichzeitig erreichen will. Mit dem Wort "Gläck" wußte damals und weiß heute jeder, was gemeint ist. Schwierigkeiten haben wir heute mit dem Wort "Ehre". Die Ehre eines Menschen enthält alle Normen und Werte, die die Persönlichkeit begründen. Damals wurden fast alle Normen und Werte von einer Gemeinschaft vorgegeben. Heute hingegen können wir weitgehend selber bestimmen, nach welchen Normen und Werten wir unser Leben gestalten wollen. Wenn wir mit den Normen einer Gemeinschaft nicht einverstanden sind, dann können wir erstens Auswandern und die Werte einer anderen Gemeinschaft annehmen, zweitens in einer anderen Gruppe innerhalb der Gesellschaft verkehren oder drittens unsere eigenen Werte ändern. Trotzdem ist es nicht leicht, die Normen und Werte, die man akzeptiert und für verbindlich erachtet, auch täglich gerecht zu werden. Ehre und Glück zu verwirklichen, ist eine Kunst, die nicht immer gelingt. Daher kann man von einem klassischen Thema sprechen: Mit diesem Thema muß sich jeder in seinem Leben auseinandersetzen.

Selten gibt der Titel das Thema so treffend wieder wie in diesem Fall. Das Thema "Ehre und Glück" wird anhand der Geschichte eines Mädchens, Ziri, entwickelt, die ein uneheliches Kind bekommt und zunächst von der Familie und der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wird. Sie muß alleine Leben ohne Ehre und Glück "Ellin än der Fremd, ohne Ihr, ohne Gläck". Ziri wird nach sechs Jahren wieder von denen aufgenommen, die sie verstoßen hatten.

Die siebenbürgisch-sächsischen Normen und Werte werden in diesem Stück nicht in Frage gestellt. Mit Ausnahme von Martin Foltsch und seiner Frau Treng - "Foltschen-Treng", nomen est omen: "Dä huet den Numen ist mät der Tot" - die in diesem Stück menschliche Schwächen verkörpern, erkennen alle Personen die Ehre an und versuchen dieser in Ihren Handlungen zu entsprechen.

Die Verletzung der Ehre wird von der Familie und der Gemeinschaft mit großer Härte bestraft. Dies ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite zeigt das Stück genauso deutlich, daß die Siebenbürger auch verzeihen konnten. "Verzeihen können" war ein zentraler Wert sowohl für den Einzelnen als auch für die Gemeinschaft. So konnte Michael Schultes, der Vater von Ziri, erst nachdem er seiner Tochter vergeben hatte, wieder glücklich sein. Hans Petri gelingt es nicht nur die Ehre Ziris wiederherzustellen, sondern auch die seiner Eltern. Grosse Marz, der zuerst seine Vaterschaft nicht anerkennen will, konnte seine Ehre nicht mehr herstellen und wählt, nachdem er öffentlich seine Schuld kundtat, den Freitod. Auch Ziri will nicht die Werte ändern, sondern sie leidet darunter, daß Sie diese verletzt hat. Diese Sitten und Werte geben Ihr die Kraft zum Sühnen und Maßstäbe für die Erziehung Ihres Kindes. Es sind diese Werte, die es der Familie und der Dorfgemeinschaft erlauben, Ziri wieder in Ihrer Mitte aufzunehmen. Erst nachdem Ihre Eltern Sie wieder in die Familie aufnehmen und Sie Hans Petri heiratet, ist Sie überzeugt, daß Sie wieder Ehre und Glück gefunden hat: "Derhim! Derhim! Weder än Ihren uch Gläck".

Der Theatergruppe gelingt es, siebenbürgisch-sächsisches Kulturerbe, unser "unsichtbares Gepäck", zu zeigen, damit wird es für alle sichtbar. Sie will nicht nur diesen Stoff vermitteln. Wir werden auch in die Atmosphäre dieser Zeit hineingeführt. Sowohl die Ruhe und Gelassenheit der Siebenbürger Sachsen in den zwanziger Jahre als auch das fröhliche Beisammensein "än der Gass" wird vorgeführt. Frohsinn und Schwermut waren bei den Siebenbürgern immer eng verwoben. Die Bühneneinrichtung und die Trachten vervollständigen dieses Bild.


© 1999 Email schickenLandesgruppe@Siebenbuerger-Sachsen-BW.de, Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V. spring an den Anfang des Dokumentes