(Wappen) Siebenbuerger Sachsen in Baden-Württemberg (Wappen)
Siebenbuergen

Chöre und Blaskapellen

Gernot Wagner

50 Jahre - ist das viel oder wenig? Eigentlich keine sehr lange, aber doch eine bemerkenswerte Zeit, bedenkt man, das nur vier Jahre nach Kriegsende die Siebenbürger Sachsen in Deutschland einen Neubeginn wagten, sich wieder organisierten und schließlich die Landsmannschaft gründeten. Wieder, denn nun taten sie dies fern der Heimat, nachdem es in Siebenbürgen bereits seit Jahrhunderten eine fest gefügte Organisation gab, die allen Unruhen der Zeiten zum Trotz bestehen geblieben war und sich bewährt hatte.

In der alten Heimat sollte, wie sich im Rückblick zeigte, nach Kriegsende zugleich der Schlussstrich unter diese Entwicklung gezogen werden, auch im Hinblick auf die 40 Jahre, die folgen sollten. Was in Siebenbürgen zu Ende ging, sollte in Deutschland wieder auferstehen.

Ob es nun in diesen 50 Jahren gelungen ist, alle Siebenbürger organisatorisch unter einen Hut zu bringen, muss gewissermaßen bezweifelt werden. "Demokratie" und "Freiheit" haben hier andere Gesichter. Nach außen hin hat sich die Landsmannschaft mit ihrem Wunsch sich zu zeigen, auf ihr Brauchtum hinzuweisen, etwas später bemerkbar gemacht.

Die ersten Kulturgruppen waren sicherlich Musikformationen und unter diesen eine der ersten die Siebenürger Blasmusik Stuttgart, die im Herbst 1951, also drei Jahre nach der Gründung der Landsmannschaft, entstand. Eine beherzte Gruppe von etwa 15 Musikanten unter der Leitung des ersten Vorsitzenden Balduin Herter fing an zu proben, bestritt bereits imGründungsjahr zwei öffentliche Auftritte und stieg nach kurzer Zeit auf 20 Mann an. Im Verlauf der nächsten Jahre wurden weitere Kapellen in Heilbronn, Bietigheim-Bissingen, Böblingen und Schwäbisch Gmünd gegründet.

Etwa 15 Jahre nach der Entstehung der Landsmannschaft wurden die ersten Chöre gebildet, allen voran jener der Kreisgruppe Rastatt. In den siebziger Jahren kamen die Chöre von Bietigheim-Bissingen, Böblingen,Schorndorf, Waiblingen und Heilbronn dazu, in den achzigern folgten die von Freiburg, Ulm/Neu Ulm, Sachsenheim,Reutlingen-Metzingen, Ravensburg,Stuttgart, Crailheim,Karlsruhe und Ludwigsburg , schließlich die "jüngsten" Chöre von Esslingen, Schwäbisch Gmünd, Backnang und Öhringen.

Diese relativ hohe Anzahl von musikalischen Formationen beweist einmal wieder, dass Musik aus dem Leben der Siebenbürger Sachsen nicht wegzudenken ist. Die Tradition zeigte und zeigt immer noch, dass das Leben der siebenbürgischen Gemeinde stets musikalisch gestaltet und begleitet ist. Ob groß oder klein, die Kulturgruppen gehören zum Alltag, zu freudigen und auch zu traurigen Anlässen.

Die Gemeinde und "ihre" Musikanten waren miteinander verwachsen. Diese musikalische Zusammengehörigkeit ist so stark ausgeprägt, im Leben unserer Landsleute so tief verwurzelt, dass selbst nach schwierigen Phasen wie die Umsiedlung mit all ihren Folgeerscheinungen Sänger, Bläser und Tänzer wieder zusammenfanden und auch heute noch weiterwirken.

Die neuen Rahmenbedingungen waren und sind auch heute wesentlich anders als in der alten Heimat. Um in der einen oder anderen Kulturgruppe mitzuwirken, muss man einige Kilometer zurücklegen, für viele ältere Landsleute, die einen großen Teil z.B. der Chöre darstellen, mitunter nicht einfach, da sie auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sind.

Als Probelokale dienten anfangs Gastwirtschaften für Blaskapellen, Gemeindehäuser für Chöre; erst später gelang es der einen oder anderen Gruppe Räume in Gesellschaftshäusern oder Heimathäusern zu bekommen. Viele proben nach wie vor in kirchlichen Gemeindezentren. Zurzeit hat, Sachsenheim und Göppingen ausgenommen, immer noch keine der 33 Kreisgruppen ihren eigenen Musikverein oder ihren eigenen Proberaum. Die Frage ist, ob der umgekehrte Fall zu einer Steigerung der kuturellen Tätigkeiten führen würde. Ich glaube kaum, denn die heutigen Rahmenbedingungen sind so geartet, dass fast jeder Kulturgruppe Räumlichkeiten zur Verfügung stehen, so dass die Proben entsprechend durchgeführt werden können.

Die Zahl der heute aktiven Formationen bezeugt, dass in Baden-Württemberg, wie sicherlich in der gesamten Bundesrepublik, eine beachtenswerte kulturelle, speziell musikalische Tätigkeit ausgeübt wird. Die Höhe und Tiefen im Werdegang der einzelnen Gruppen sind hier nicht von Bedeutung. Wesentlich ist und bleibt die Tatsache, dass etwas geschieht und dass man sich damit sehen/hören lassen kann und dies auch als Großformation unter Beweis gestellt hat. Zu erwähnen sind diesbezüglich die beiden Chortreffen von Sachsenheim und Trossingen, der Auftritt eines Gemeinschaftschores von ca 300 Sängern anlässlich der Vierzigjahrfeier der Landsmannschaft auf dem Killesberg, der Auftritt eines 160 Sänger starken Chores bei der Feier der 850 jährigen Geschichte der Siebenbürger Sachsen in der Pauluskirche in Frankfurt am Main, der gemeinsame Auftritt der Baden-Württemberger Chöre beim Pfingstreffen in Dinkelsbühl 1991 sowie die Gemeinschaftsdarbietung sämtlicher Blasmusikkapellen aus Deutschland - ca 250 Bläser - Pfingsten 1995. Wir alle sind dankbar und stolz diese Kulturtätigkeit vorweisen zu können.

Zu den heute in Baden-Württemberg 18 aktiven Chören müssen auch die in Deutschland wieder gegründeten reinen HOG-Chöre und Blaskapellen hinzugefügt werden. Sie sind mit weitaus größeren Schwierigkeiten konfrontiert als die Kulturformationen der Kreisgruppen, lassen es sich aber trotz allem nicht nehmen, mehr oder weniger regelmäßig zusammenzukommen und in trauter Gemeinschaft zu musizieren, wobei sie auf das Ziel hinarbeiten, ihren Landsleuten ihr Können vorzuführen und die Heimatortstreffen so zu gestalten, wie man es von früher gewohnt war. Ob manche Kulturgruppen der HOGs nun zu den in Baden-Württemberg aktiven Musikformationen gezählt werden oder nicht, mag unterschiedlich betrachtet werden, jedenfalls kommen viele ihrer Mitglieder aus unserem Bundesland und wir schätzen uns glücklich, den gemischten Chor und den Männerchor der HOG Tartlau in Böblingen sowie den Petersberger Chor, der zu Proben in Kirchheim/Teck zusammenkommt, im Bereich unserer Landesgruppe zu führen.

Auch hier gilt: wichtig ist, dass gesungen wird, und nicht, wo gesungen wird. Die durchschnittliche Mitgliederzahl der siebenbürgischen Chöre liegt bei 30 bis 35. Größter Chor ist mit 75 Mitgliedern der Heilbronner Chorn, der seit über 20 Jahren besteht und Mitglied im Deutschen Sängerbund ist. Die Blaskapellen sind 20 bis 30 Mann stark. Die Chöre proben im Schnitt dreimal im Monat jeweils zwei Stunden, die Blaskapellen in der Regel zwei bis drei Stunden wöchentlich. Das Repertoire der Chöre umfasst eine breite Palette: vom Volkslied, auch in sächsischer Mundart, über das Kunstlied bis zur geistlichen Literatur, wobei das sächsische Chorlied einen besonderen Stellenwert hat.

Die Blaskappellen sind ihrem traditionellen Repertoire von Märschen, Polkas, Walzern, Ländlern u.ä treu geblieben, bringen jedoch viele Evergreens in neuer Bearbeitung. Obwohl gelegentlich der Eindruck entsteht, siebenbürgische Chöre würden sich von einheimischen abkapseln, gibt es doch immer wieder Möglichkeiten und Anlässe, sich schwäbischen Chören anzuschließen und mit ihnen zusammenzuarbeiten so wie auch zahlreiche Siebenbürger in einheimischen Chören mitwirken. Dies muss unbedingt gefördert werden, um unserem Öffentlichkeits- und Integrationsauftrag gerecht zu werden. Zu betonen ist, dass das siebenbürgische Liedgut Teil des deutschen Liedgutes ist und das deutsche Liedgut immer schon unser Liedgut war.

Welches wird die Zukunft der siebenbürgischen Kulturgruppen sein? Eine Prognose ist schwierg. Fest steht, die Sänger und Bläser werden nicht jünger und Nachwuchs ist rar. Einige Formationen, wenngleich glücklicherweise erst wenige, haben sich aufgelöst. Was werden die nächsten zehn bis zwanzig Jahre bringen? Anzunehmen ist, dass Neuzugänge selten sein werden, tels wegen der breiten Streuung, der Entfernung zum Ort der Probe, teils wegen der ausgelasteten Freizeit. Manch "alter" Sänger oder Bläser macht weiter, weil kein "junger" ihn ersetzt.

Die Zahl der siebenbürgischen Kinder, die neben der Schule eine musikalische Ausbildung geniessen, ist sicherlich nicht gering, aber wenige davon schließen sich einer landsmannschaftlichen Kulturgruppe an. Aber auch hier gilt: Wichtig ist, daß Musik gemacht wird. Keine Problem dieser Art scheinen die Tanzgruppen zu haben. Dass siebenbürgische Chöre und Blaskapellen "Auffrischung" benötigen, ist klar. Was sie für die Jungen attraktiv machen könnte, ist eine wichtige Frage. Überdacht werden müsste, ob das für siebenbürgische Chöre im Allgemeinen übliche Repertoire den Ansprüchen der Jugend entgegen kommt. Ihr Rechnung zu tragen hieße: junge Chorleiter, "junges" Repertoire. Das Gleiche gilt für die Blaskapellen. Man müsste sich an Neues heranwagen, das teilweise so neu nicht ist oder sein muss, lediglich vielleicht nicht ganz so bekannt. Ich nenne nur einige Namen, die in den Programmen unserer Gruppen nicht oft auftauchen, an denen aber kein Weg vorbeiführt, sollte man sich entschließen, einen Schrit in Richtung neuerer siebenbürgischer Chor-oder Blasmusik zu wagen: Hans Peter Türk, Andreas Bretz, Karl Fisi, Norbert Petri, Franz Xaver Dressler, Ernst Irtl, Günther Schromm. Bei Nachfrage dürfte das Angebot sicherlich steigen.

Ich bin zuversichtlich, dass die siebenbürgischen Chöre und Blaskapellen auch in den nächsten Jahren bestehen werden, ein Optimismus, der auf der Beobachtung beruht, dass diesbezüglich Anfänge bereits vorhanden sind, denkt man an den Heltauer Jugendchor und den Jugendchor Augsburg. Auch in Österreich gibt es Anlass zu dieser Zuversicht. Unsere siebenbürgischen Landsleute in Kanada und den USA pflegen das sächsische Kulturgut immer noch. Ist es da so wichtig, dass der dortige Bläser, Sänger oder Tänzer die sächsische Mundart kaum noch beherrscht?

Der siebenbürgisch-sächsische Rahmen ist vorhanden, und der kann nur von Menschen gefüllt werden, die diesem Rahmen zugeneigt sins. Kulturarbeit ist immer maßgeblich mit Engagement verbunden, d.h. es gibt kein Perpetuum mobile; von selber geschieht einfach nichts, es muss veranlasst und durchgeführt werden. Viele unserer Probleme sind keine spezifisch siebenbürgischen, sondern betreffen kulturelle Breitenarbeit generell.

Unser Auftrag wird auch weiterhin lauten: Weitermachen! Dieses sollte die Botschaft für die nächsten 50 Jahre sein. 50 Jahre Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen sind eine ereignisreiche Zeit gewesen. Das Weitermachen kann keiner Institution und keiner Firma überlassen werden, das können nur die Siebenbürger Sachsen selbst.


© 1999 Email schickenLandesgruppe@Siebenbuerger-Sachsen-BW.de, Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V. spring an den Anfang des Dokumentes