(Wappen) Siebenbuerger Sachsen in Baden-Württemberg (Wappen)
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6.2 Das "Siebenbürgen-Institut" mit Siebenbürgischer Bibliothek und Archiv

Harald Roth

Die Tradition, historische Wissenschaften zu betreiben und die eigene Geschichte zu dokumentieren, war bei den Siebenbürger Sachsen über Jahrhunderte hin eng verknüpft mit dem Bedürfnis und der Notwendigkeit, die eigene politische und ökonomische Existenz gegenüber Beeinträchtigungen von außen zu wahren: Es handelte sich somit zunächst nicht um wissenschaftliche Forschung im modernen Sinne, sondern um die Sammlung und Bewahrung von Quellen als Belege für die Rechtstitel, auf denen der Landstand der Sachsen auf Königsboden in der ungarischen Woiwodschaft Siebenbürgen, später im unabhängigen Fürstentum unter osmanischer Oberhoheit und schließlich in der Provinz der Habsburgermonarchie basierte. Ein Wandel hin zum Bemühen, historisches Geschehen als Ganzes zu erfassen, setzte erst allmählich im 19. Jahrhundert ein, lässt bis Mitte des 20. Jahrhunderts allerdings noch eine starke Neigung zu nationaler Erziehung und "Erbauung" erkennen.

Schloß Horneck
Siebenbürgen-Institut Gundelsheim
       

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden die bis heute entscheidenden wissenschaftlichen Einrichtungen: Mit der Öffnung der reichhaltigen Sammlungen des ehemaligen Gubernators Samuel von Brukenthal für das Publikum, dem sogenannten "Brukenthal-Museum", war 1817 der erste Schritt getan; hierzu gehörte auch eine Bibliothek, die nach Art einer Nationalbibliothek bis 1944 sämtliches Schriftgut über die Siebenbürger Sachsen sammelte. 1840 wurde mit dem "Verein für siebenbürgische Landeskunde" ein Forum für wissenschaftlich-historische Diskussion und entsprechende Publikationen geschaffen, 1876 schließlich folgte die Öffnung des "Archivs der Sächsischen Nation" für die Forschung. Lediglich den Bestrebungen zur Schaffung wissenschaftlicher Forschungsstätten wie Universitäten oder Institute war, vor den Zeiten der Diktaturen, kein Erfolg beschieden. Historische, ethnologische, sprach- oder naturkundliche Studien wurden daher im Wesentlichen von Pfarrern und Lehrern sowie von einigen wenigen Juristen und Archivaren betrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg war in Siebenbürgen zunächst gar nicht, ab den fünfziger Jahren in Teilbereichen wissenschaftliche Forschung wieder möglich. Unter den in Deutschland und Österreich verbliebenen Sachsen begann sich im Besonderen unter der jüngeren Generation ein reges Interesse an eigener Geschichte und Kultur zu entwickeln, das zunächst im "Arbeitskreis junger Siebenbürger Sachsen", ab 1962 im "Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde e.V. Heidelberg" sein Forum fand; letzterer trat zugleich die Rechtsnachfolge des alten Landeskundevereins an und führte dessen Schriftenreihen fort. Sitz des Arbeitskreises war zunächst Heidelberg, wo einer der Gründungsväter an der Universität lehrte und wo der Geschäftsführer lebte. Doch schon bald bot sich das 1960 von Landsleuten erworbene Schloss Horneck in Gundelsheim als neue Heimstätte an: Der "Hilfsverein Johannes Honterus e.V." sah neben dem Altenheim ausdrücklich die Unterbringung kultureller Einrichtungen vor.

Hierhin brachte der Arbeitskreis 1963 die 1955 in Rimsting gegründete Siebenbürgische Bücherei und begann eine zentrale Bibliothek und wissenschaftliche Arbeitsstelle aufzubauen. In den seither vergangenen über dreieinhalb Jahrzehnten entwickelten sich "Schloss Horneck" und "Gundelsheim" zu regelrecht international bekannten Begriffen für wissenschaftliche Forschung über Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen. Die "Siebenbürgische Bibliothek" wurde nun planmäßig auf- und ausgebaut, zu ihren Trägern gehören der Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde, der zugleich die wissenschaftliche Betreuung übernahm, das Hilfskomitee der Siebenbürger Sachsen und evang. Banater Schwaben sowie die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Durch einen Kooperationsvertrag des Arbeitskreises mit dem Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart war es 1970 möglich, in Balduin Herter einen hauptamtlichen Arbeitsstellenleiter einzustellen, der zugleich "Referent für transsylvanische Forschung" am Stuttgarter Institut war. So konnte nicht nur der Ausbau der Bibliothek in erheblich vergrößertem Umfang fortgeführt, sondern auch mit dem Aufbau eines Archivs und der Erweiterung der Heimatstube zu einem Museum, dem "Siebenbürgischen Museum", begonnen werden. Zugleich war eine Intensivierung der Publikationstätigkeit und des akademischen Austauschs mit wissenschaftlichen Institutionen und mit Forschern in Rumänien und in Ungarn genauso wie die Durchführung von Projektmaßnahmen möglich. Die Länder Nordrhein-Westfalen als Patenland der Siebenbürger Sachsen und Baden-Württemberg, das die Gundelsheimer Einrichtungen beherbergt, sowie schließlich das Bundesministerium des Innern brachten Förderungen ein für Ankäufe, Publikationen, Tagungen, für den Ausbau des dringend benötigten Personals für Bibliothek, Archiv und Museum, wenn auch anfangs sehr allmählich und nur in begrenztem Umfang. Als Koordinationsgremium bildete sich zunächst der "Siebenbürgisch-Sächsische Kulturbeirat", in dem alle entscheidenden siebenbürgisch-sächsischen Verbände und Vereine vertreten waren und der über Prioritäten der Förderung entschied. Anfang der 80er Jahre erklärten sich die beiden Länder bereit, in eine langfristige institutionelle Förderung einzusteigen, wofür im Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrat – nun als e.V. – das Verwaltungsgremium geschaffen wurde. Auch beim Museum stellte sich mit beträchtlicher Zunahme der Bestände und des Ausstellungsumfangs die Notwendigkeit einer Institutionalisierung eines Trägervereins heraus, die Verwaltung blieb jedoch noch bis 1991 in der Verantwortung des Kulturrats. Bei der Gründung der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung zu Beginn der 80er Jahre war die Idee des langfristigen Erhalts der Gundelsheimer kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen ein wesentliches Moment, so dass die Stiftung über längere Zeit hier auch ihre Geschäftsstelle hatte; zwischenzeitlich ist die Geschäftsstelle umgezogen, Interessen und Schwerpunkte der Stiftung wurden verlagert.

Die Siebenbürgische Bibliothek baute ihre Beziehungen systematisch aus: Sie wurde in das Netz der Heidelberger Institutsbibliotheken einbezogen und kam so in engen Kontakt zur Universitätsbibliothek Heidelberg, die die Karteikarten der Gundelsheimer Bestände bei sich einstellte und bis heute Beratung und Hilfe in allen Bibliotheksbelangen bietet; über die Bibliothek des Instituts für Auslandsbeziehungen, das den Katalog bei sich ebenfalls führte, erfolgte der Anschluss an die Fernleihe der Deutschen Bibliotheken; die Bibliothek des Herder-Instituts in Marburg/L. und die Osteuropa-Abteilung der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin führten die Gundelsheimer Kataloge und konnten so Anfragen stets weiterleiten. Da in Gundelsheim als einziger Stelle überhaupt alle Literatur über Siebenbürgen ohne ideologische oder sprachliche Einschränkungen gesammelt wurde – eben anders als nach 1945 in Rumänien und Ungarn –, entwickelte sich diese Bibliothek allmählich zur wohl größten Transsylvanica-Sammlung außerhalb Siebenbürgens und vor allem zur besten Anlaufstelle für die nach dem Zweiten Weltkrieg erschienene Literatur. Seit 1995 werden die Buchtitel über EDV direkt in den Südwestdeutschen Bibliotheksverbund eingegeben, wo inzwischen wohl rund ein Drittel der Bestände über Internet weltweit recherchierbar ist. Hierbei zeigt sich die Besonderheit der in Gundelsheim gesammelten Schriften, da rund 75 % der katalogisierten Titel von keiner anderen Bibliothek geführt werden – der deutsche Durchschnitt dafür liegt bei 25 %. Bis 1999 konnten die Bestände von etwa 500 Titeln im Jahre 1955 auf rund 57.000 ausgebaut werden, wobei die für den Bereich der siebenbürgisch-sächsischen Geschichte und Landeskunde angestrebte Vollständigkeit nicht mehr fern ist. Heute führt die Siebenbürgische Bibliothek über 1400 Periodika und nimmt jährlich rund 3000 bibliographische Einheiten neu auf. Der Benutzerzustrom erreichte mit über 11.000 Ausleihen im Jahre 1998 einen Höchststand. All dies wird mit einem Minimum an Personal bewältigt und wäre ohne dessen Enthusiasmus wohl auch nicht zu bewältigen: Der institutionelle Haushalt des Kulturrats sieht nicht mehr als vier Stellen vor, wobei von diesen Mitarbeitern auch die gesamte Verwaltung der Einrichtung bestritten werden muss und diese hinsichtlich der Entlohnung eigentlich alle deutlich niedriger eingestuft sind als bei vergleichbaren oder gar benachbarten Institutionen. Eine herausragende Rolle spielen auch auf Schloss Horneck seit jeher die ehrenamtlichen Mitarbeiter, und zwar sowohl in Bibliothek und Archiv, wo Einwohner aus dem Heim, Praktikanten oder der ehrenamtliche Buchbinder überhaupt nicht wegzudenken sind, als auch bei der oft auswärts geschehenden wissenschaftlichen Forschung, bei der Herausgabe von Büchern und Zeitschriften oder bei der Vorbereitung und Durchführung von Tagungen.

Schloß Horneck
Siebenbürgische Bibliothek Gundelsheim
       

Die Gundelsheimer Arbeit war über rund drei Jahrzehnte, davon mehr als 20 Jahre hauptamtlich, von Balduin Herter geprägt, der der Institution auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand 1991 als Vorsitzender des wichtigen Vereins der Freunde und Förderer der Siebenbürgischen Bibliothek eng verbunden blieb. Ihm folgte Dr. Konrad Gündisch, der über den Arbeitskreis schon seit langem in die Arbeit eingebunden war und die Institutsgründung zuwege brachte. 1993 übernahm der Unterzeichnende diese Aufgabe. Die Vorsitzenden von Kulturrat und Arbeitskreis bemühten sich, lange Zeit in Personalunion, stets in besonderer Weise um "Gundelsheim": Dr. Otto Mittelstrass, Dr. Ernst Wagner, Robert Gassner, Prof. Walter König, schließlich bis heute Dr. Christoph Machat und Dr. Günther H. Tontsch sind hier zu nennen. Ein ausgesprochen kritisches Moment trat 1993/94 ein, als das Institut für Auslandsbeziehungen seine Gundelsheimer Stelle nach Stuttgart holte und die Geschäftsführerstelle plötzlich von andernorts dotiert werden musste; Anfang 1994 führte dies beinahe zur zeitweiligen Schließung, weil kein Jahreshaushalt aufgestellt werden konnte, so dass eine großangelegte Spendenaktion anlief. Eine weitere Herausforderung bildete über lange Zeit die Raumfrage, da die notwendigen Ausdehnungsmöglichkeiten im Schloss bald erschöpft waren und ein Ausweichen ins Städtchen notwendig machten: zunächst durch die Anmietung des Alten Rathauses von der Stadt Gundelsheim, sodann durch den Erwerb des Hauses Schlossstraße 41 aus Mitteln einer Erbschaft und durch den Ausbau mit Spendenmitteln und ehrenamtlicher Hilfe. Dadurch besteht mittelfristig ausreichender Arbeitsraum für die Mitarbeiter und Lagerraum für die Bestände von Bibliothek und Archiv. Eine große Herausforderung Ende der 90er Jahre bildet die Hilfe bei der Sicherung der enormen geschichtlichen Hinterlassenschaften an Archivalien und an Kunstgütern in den evangelischen Kirchengemeinden und der Gesamtgemeinde in Siebenbürgen selbst – eine Aufgabe, der wir uns stellen müssen, wenn wir die eigenen Worte von der Bewahrung der historischen Zeugnisse und deren Erschließung wirklich ernst meinen.

Schloß Horneck
Aus den Schätzen des Archivs in Gundelsheim
       

Doch zurück zur Geschichte der letzten Jahrzehnte auf Schloss Horneck: Schon 1979 kam zur Geschäftsstelle mit Bibliothek, Archiv und Museum ein weiterer Bereich hinzu, nämlich die in Gundelsheim angesiedelte Forschung. Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft begann die Universität Bonn mit der Bearbeitung des Nordsiebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuchs, dessen Arbeitsstelle mit einer, dann zwei, schließlich drei Mitarbeiterinnen in Gundelsheim angesiedelt wurde und heute noch besteht. Als weiteres langfristiges Projekt kam mit Unterstützung des Bundes ab 1990/91 die Dokumentation des siebenbürgisch-sächsischen Kulturgutes zustande, das die gesamten Denkmäler und zahlreiche darüber hinausgehende kulturelle Bereiche erfasst hat und Ende 1998 abgeschlossen wurde; im Rahmen dieses Großprojekts wurden vor Ort zunächst zwei, dann ein Mitarbeiter und in Siebenbürgen bis zu fünfzig und mehr Fachleute tätig. Die Bereicherung, die das Archiv durch diese Dokumentation erfahren hat, ist außerordentlich. Im Archiv waren seit Beginn der 80er Jahre fast laufend ABM-Kräfte tätig, wobei die für dieses Metier notwendige Langfristigkeit der Betreuung erst seit Mitte 1994 erreicht werden konnte. Die Archivmitarbeiter betreuten nebenher über lange Zeit auch die Tätigkeit der Heimatortsgemeinschaften, ihrer Arbeitsgemeinschaft, Tagungen und Arbeit an Ortschroniken. Um 1995 dürfte mit 14 Mitarbeitern im Bereich des "Siebenbürgen-Instituts", wie der äußere Rahmen der verschiedenen Geschäfts-, Arbeits- und Forschungsstellen, der Bibliothek und des Archivs seit 1992 heißt, das Maximum erreicht gewesen sein: drei Mitarbeiter/innen in Leitung und Verwaltung (Geschäftsführer, Buchhalterin, halbtags Sekretärin), vier Mitarbeiter/innen in der Bibliothek (eine Bibliothekarin auf Planstelle, eine auf Projektstelle, eine auf Aushilfsbasis, halbtags ein Vertriebsverantwortlicher), drei Mitarbeiter im Archiv (ein Archivbetreuer und zwei Mitarbeiter im Dokumentationsprojekt), drei Mitarbeiterinnen in der Wörterbuchstelle, schließlich die Reinigungskraft. Bereits bis 1999 ist hiervon ein Drittel weggebrochen und es ist abzusehen, dass ab Anfang/Mitte 2000 nicht mehr als vielleicht fünf Mitarbeiter weiterhin finanziert werden können: nicht weil Mittel gekürzt würden, sondern weil die häufig auf Projektbasis gewährten Unterstützungen nicht länger gewährt werden. Dies hängt keinesfalls mit einer stärkeren Zurückhaltung der Vereine oder der Geschäftsführung bei der Einwerbung von Mitteln zusammen, sondern mit einer heute völlig gewandelten Förderpolitik; die Chancen einer langfristigen Sicherung der Gundelsheimer wissenschaftlichen Einrichtungen – wie das etwa für das benachbarte Museum geschah – wurden bereits in früheren Jahren verpasst. Jetzt wird nur die Schaffung eigener Fonds in Form von Stiftungen, die dem Zweck nicht entfremdet werden können, die notwendige Sicherung auf Jahrzehnte hin bieten können, da selbst die 1999 noch stabile institutionelle Förderung der Länder stets von Neuem in Frage gestellt wird. So gut die Erfolgsmeldungen des Siebenbürgen-Instituts nach einem halben Jahrhundert Siebenbürger Sachsen in Deutschland heute auch sind, so düster sind doch die Aussichten kurz vor der Jahrtausendwende auf eine langfristig solide Forschungs- und Dokumentationstätigkeit über die Geschichte und Kultur dieser Gruppe und ihres Landes. So wie fast alles auf Schloss Horneck in Gundelsheim aus Eigeninitiative und in Eigenleistung geschah, so werden diese künftig eine noch viel stärkere Rolle spielen, soll das Erreichte nicht allmählich in der Versenkung verschwinden.


© 1999 Email schickenLandesgruppe@Siebenbuerger-Sachsen-BW.de, Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V. spring an den Anfang des Dokumentes