(Wappen) Siebenbuerger Sachsen in Baden-Württemberg (Wappen)
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2.3. Aufgaben und Ergebnisse der Tätigkeit der Landesgruppe Baden-Württemberg (1949-1999)

Alfred Mrass

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2.3.1. Die Aufgaben

Die Aussagen der Satzung der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland bezüglich der Ziele und des Zweckes landsmannschaftlicher Tätigkeiten haben im Verlauf der Zeit Änderungen erfahren, die die Entwicklung der Gemeinschaft in Deutschland und in Siebenbürgen widerspiegeln. In der derzeit aktuellen Form der Satzung werden im § 2 die Ziele folgendermaßen definiert:

"(1) Die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen ist ein ideeller Verein zum Zweck der Förderung der Fürsorge für die Siebenbürger Sachsen und ihrer kultureller und sozialer Belange."

Im Absatz 2 des § 2 werden die wichtigsten Wege aufgezeigt, durch die die obigen Ziele erreicht werden können:

- Zusammenschluss der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und ihre Vertretung in der Öffentlichkeit
- Beratung der Mitglieder in allen sozialen und kulturellen Fragen sowie die Unterstützung und Wahrung ihrer Rechte
- Pflege und Förderung des kulturellen Erbes
- Förderung der Jugendarbeit
- Schaffung und Förderung von Einrichtungen der sozialen Hilfe
- Pflege der Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen in den Orten, in denen sie ansässig sind, und Zusammenarbeit mit den Heimatortsgemeinschaften.

Es hat wiederholt Versuche gegeben, den Sinn und die Aufgaben der Landsmannschaft einprägsam zu formulieren und dabei auch möglichst eine Antwort auf das Spannungsfeld der Fragen "Integration und möglicher Verlust des Eigenständigen" oder "Bewahrung der siebenbürgisch-sächsischen Identität" zu finden. Die Siebenbürgische Zeitung, Ausgabeform Südostecho, vom 1. Oktober 1955 antwortet auf die Frage nach dem Sinn der Landsmannschaft folgendermaßen: "Er kann doch nur darin bestehen, die Kontinuität unserer alten Volksgemeinschaft fortzuführen und das spezifisch Siebenbürgisch-Sächsische zu bewahren" (Hans Hartel).

Diese Aussage zu den Aufgaben der Landsmannschaft ist meines Erachtens auch heute, nach fast 44 Jahren, gültig und zutreffend. Beide Aspekte der Aufgaben der Landsmannschaft, die Kontinuität der Volksgemeinschaft fortzuführen und das spezifisch Siebenbürgisch-Sächsische zu wahren, gelten immer noch und sind gleichgewichtig. Es besteht noch kein Anlass, die Pflege des kulturellen Erbes einseitig in den Vorgergrund zu stellen und die Pflege der Gemeinschaft zu vernachlässigen. Eine eigene Identität setzt automatisch das Vorhandensein einer dazugehörigen Gemeinschaft voraus.Das Bedürfnis nach eigener Identität ist ebenso ein menschliches Gefühl wie das Bedürfnis nach Wärme und Liebe, auch wenn es vom Einzelnen nicht immer bewusst erkannt und zugegeben wird.

Die Landesgruppe Baden-Württemberg der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland hat in ihrer fünfzigjährigen Geschichte durch die eigene Arbeit und durch die Arbeit in ihren Kreisgruppen entscheidend dazu beigetragen, "die Kontinuität der Volksgemeinschaft fortzuführen und das Spezifisch-Sächsische zu bewahren". Sie leistete dies im Bewusstsein einer jahrhundertealten geistigen, nach dem Zweiten Weltkrieg auch tatsächlichen Zugehörigkeit und Verwurzelung im deutschen Volk. Die Legitimität dieser Haltung wurde durch alle bisherigen Bundesregierungen, nicht zuletzt auch durch die Bundespräsidenten Theodor Heuss, Karl Carstens und Roman Herzog bestätigt.

Dass die Arbeit und damit die Realisierung der von der Satzung vorgesehenen Ziele vordringlich im Rahmen des eigenen Vereins stattfand, lag auf der Hand, doch dies wurde oft als "bewusste und selbstgewünschte Ghettoisierung der Siebenbürger Sachsen" angesehen und bezeichnet. Der Vorwurf, sofern es als ein Vorwurf angesehen werden kann, trifft sicher in dem einen oder anderen Fall zu und ist oft auch in der Persönlichkeitsstruktur der Verantwortlichen vor Ort begründet. Tatsächlich aber nehmen die meisten gut funktionierenden Kreisgruppen der Landsmannschaft regen Anteil am öffentlichen Leben der Kommunen in Baden-Württemberg und sind in vielen Fällen tragende Säulen kirchlicher oder kommunaler Traditionsveranstaltungen in den Städten und Gemeinden des Landes.

Bei den meisten Siebenbürgern und Bundesdeutschen hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Integration der Aussiedler in die Gesellschaft die Aufgabe der Identität nicht voraussetzt, dass aber sehr wohl von einer fortschreitenden Integration Gefahren für den Erhalt des ostdeutschen, hier speziell des siebenbürgisch-sächsischen Kulturgutes ausgehen und dass diesen Gefahren entgegengewirkt werden muss.

Übersicht


2.3.2. Tätigkeit und Ergebnisse auf kulturellem Gebiet

Siebenbürger Sachsen
Ausstellung zur Adventsfeier 1959 imLudwig-Hofacker-Gemeindehaus

Die Landesgruppe Baden-Württemberg mit ihrer Geschäftsstelle in Stuttgart und den zuständigen Referenten hat nicht nur die Tätigkeit der Kreisgruppen koordiniert bzw. Erfahrungsaustausch und Weiterbildungsveranstaltungen für die Kreisgruppen organisiert, sondern sie hat selbst auch viele Veranstaltungen mit beachtlichem Niveau durchgeführt. Ihr Ziel war es immer, die breite Öffentlichkeit über die Siebenbürger Sachsen selbst, über ihre Lebensweise und ihr Kulturgut zu informieren.

Im Folgenden seien einige herausragende Kulturveranstaltungen der letzten 50 Jahre aufgezählt. Der Versuch der vollständigen Erfassung aller Aktivitäten, die in Stuttgart in der Trägerschaft der Landesgruppe, nicht der Kreisgruppe Stuttgart, organisiert wurden, ist in der Anlage "Kulturveranstaltungen der Landesgruppe 1949–1999" tabellarisch dargestellt.

Zur Adventfeier 1949, dem Gründungsjahr der Landsmannschaft, wurde das schon erwähnte Singspiel "Das Christi-Geburt-Spiel der Siebenbürger Sachsen im Donbas" von Kurt-Felix Gebauer aufgeführt. Die Uraufführung dieses Stückes hatte am 5. Januar 1947 im Massenschlafraum des Deportationslagers Almasna in der Ukraine stattgefunden. Über die Aufführung am 11. Dezember 1949 im Heimkehrerwaldheim Stuttgart schreibt Otto Depner:

Siebenbürger Sachsen
Aufführung "Christi-Geburts-Spiel" im Advent 1949.
Die Mitspieler in Original-Jacken aus Russland (Heimkehrer).

"Für den Gesangsteil musste ein schwäbischer Chor engagiert werden (Kleiner Chor des Stuttgarter Singkreises unter der Leitung von Gustav Wirsching, Anm. des Verfassers). Die Darsteller traten in den originalen Steppjacken Fufoaikas auf (Fufoaika = rumänische bzw. russische Bezeichnung der Arbeitsjacken, die aus Russland mitgebracht worden waren) und die Aufführung wirkte so lebensecht und ging derart unter die Haut, dass den Chorleuten am Ende die Tränen in den Augen standen."

Die Adventsfeiern blieben regelmäßige Veranstaltungen im Jahresprogramm. Später fanden gleichzeitig damit auch Verkaufs- und Kunstausstellungen mit Artikeln siebenbürgischer Hersteller und Künstler statt, die für die Jahre 1958-1971 mit einigen Unterbrechungen in der Siebenbürgischen Zeitung belegt sind (s. Anhang). Diese Adventsfeiern (Ludwig-Hofacker-Gemeindesaal, Erlöserkirche) waren Veranstaltungen des Frauenkreises Stuttgart. Der Gemeindesaal war mit Stickereien von Grete Kaiser geschmückt. Zum Verkauf angeboten wurden siebenbürgische Bratwurst, Deckchen, Kissen, bestickte Blusen, Töpferwaren (z. B. von Roswitha Etter, Heilbronn), Trachtenschmuck von Marion Wenzl-Thomae und Peter Römischer sowie Bücher der Heimatverlage "Hans Meschendörfer" und "Wort und Welt". Musikalisch wurden sie von Prof. Anneliese Barthmes und Dr. Joachim Spuck umrahmt.

Die Erntedankfeste in Stuttgart, von der Landesgruppe organisiert, waren beliebte Veranstaltungen, die wesentlich zur Festigung der Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen im Großraum Stuttgart beitrugen. Sie fanden überwiegend in der Sängerhalle Untertükheim statt und sind ebenfalls über viele Jahre belegt. Seit 1989 ist die Kreisgruppe Stuttgart die Veranstalterin.

Siebenbürger Sachsen
Eröffnung der Ausstellung "Siebenbürgische Künstler in Baden-Württemberg" im Haus der Heimat 13.04.1983

Am 29. März 1969 organisierte die Landesgruppe, wie schon erwähnt, in Zusammenarbeit mit dem Schwäbischen Heimatbund und dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde im Weißen Saal des Neuen Schlosses in Stuttgart eine Feier zur 120. Wiederkehr des Todestages von Stephan Ludwig Roth. Als Festredner trat Prof. Dr. Otto Folberth, Salzburg, damals der beste Kenner von Leben und Werk Stephan Ludwig Roths, auf. Sein Vortrag unter dem Titel "Stephan Ludwig Roth und das Schwabenland" sowie der ganze Festakt standen im Zeichen der Erinnerung an die historischen Beziehungen des Schwabenvolkes zu den Siebenbürger Sachsen und zu ihrer Symbolfigur, Stephan Ludwig Roth, der im Vormärz das Wagnis einer schwäbisch-sächsischen Kolonisation unternommen hatte. Die Grüße der Landesregierung bei der Veranstaltung überbrachte Staatssekretär Sepp Schwarz, Leiter der Abteilung für Vertriebene, Kriegsgeschädigte und Flüchtlinge im Innenministerium, der auf die Tragik des Opfergangs von Stephan Ludwig Roth und die besondere Volkstumstreue der Siebenbürger Sachsen hinwies. Zum starken Widerhall dieser Veranstaltung in den Medien trug auch der Umstand bei, dass Theodor Heuß, der erste Bundespräsident, Stephan Ludwig Roth in seinen Schriften eine "Figur von europäischer Größe" genannt hatte und ihn zu den großen Deutschen zählte.

Siebenbürger Sachsen
Gruppenfoto der Verantwortlichen der Ausstellung

Im Rahmen der Stuttgarter Vorträge verbreiteten die Referenten viele Jahre lang Kenntnisse über die Geschichte und die Kultur der Siebenbürger Sachsen. Vereinzelt wurden auch Themen aus der gesamtdeutschen Geschichte aufgegriffen. Zur Zeit der Kulturreferentin Hermine Höchsmann entwickelten sich diese Veranstaltungen zu einer regelmäßigen Reihe. Jährlich wurden sechs bis zehn Vorträge gehalten. In den letzten Jahren waren aus finanziellen und organisatorischen Gründen nur vier Vorträge pro Jahr möglich. In der Anlage ist, beginnend mit dem Jahr 1961, eine Vielzahl von Vorträgen zu den verschiedensten Themen und von Lesungen bedeutender siebenbürgischer Dichter und Schriftsteller aufgelistet. Die siebenbürgisch-sächsiche Geschichte, Tracht, Volkskunde, Volksmusik, Musik, Malerei, Architektur (insbesondere Kichenburgen und Städte), Flora und Fauna, Wirtschaft und Technik, die Landsmannschaft und ihre Aufgaben, die politischen Ereignisse in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen und die herausragenden Persönlichkeiten wurden und werden innerhalb der Vortragsreihe behandelt. Als namhafte Referenten, die zum Teil mehrere Vorträge im Verlauf der Jahre gehalten haben, sind zu nennen: Wolf v. Aichelburg, Hans Bergel, Prof. Dr. Ludwig Binder, Andreas Birkner, Dr. Gerda Bretz-Schwarzenbacher, Dr. Wilhelm Bruckner, Dr. Anneli Ute Gabany, Horst Gehann, Prof. Karl Gorvin, Dr. Gustav Gündisch, Dr. Konrad Gündisch, Stefan Hedrich, Dr. Heinz Heltmann, Balduin Herter, Nikolaus Huber, Ernst Irtel, Prof. Dr. Walter König, Dr. Michael Kroner, Dr. Rolf Kutschera, Dr. Hans Lienerth, Dr. Christoph Machat, Prof. Dr. Hans Mieskes, Katrin Mönch, Bernhard Ohsam, Prof. Dr. Paul Philippi, Georg Scherg, Irmgard Sedler, Harald Siegmund, Dr. Stefan Sienerth, Karl Teutsch, Dr. Ernst Wagner, Prof. Dr. Georg Weber, Dr. Volker Wollmann und Prof. Dr. Harald Zimmermann.

Erwähnenswert ist die Tatsache, dass nach der politischen Wende auch Referenten aus Rumänien wie Dr. Thomas Nägler, Prof Dr. Paul Philippi, Hannelore Baier, Gernot Nußbächer und Udo Peter Wagner in Stuttgart sprechen konnten.

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Ausstellung "Deutsche Kultur in Siebenbürgen" im Haus der Heimat in Stuttgart 1986

Die Stuttgarter Vortragsreihe wurde nach Hermine Höchsmann von Manfred Huber und Otto Depner betreut. Zurzeit setzt Siegfried Habicher die Vortragsreihe fort. Unterstützend bei der Organisation wirkten Melitta Capesius, Helmut Müller, Otto Maurer, Traute Habicher und Rolf Speck mit. Auf der CD-ROM im Anhang des vorliegenden Bandes beschreibt Siegfried Habicher die Vortragsreihe unter dem Titel "25 Jahre Stuttgarter Vorträge" näher.

Insbesondere nach der Errichtung des Hauses der Heimat wurden im Verlauf der Jahre wiederholt Ausstellungen durch die Landesgruppe veranstaltet. 1981 fand eine Ausstellung von Aquarellen der Künstlerin Marianne Simtion-Ambrosi statt. 1983 konnte eine Volkskunstausstellung im Haus der Heimat organisiert werden. Dazu standen original siebenbürgische Bauernmöbel, echte Stickereien aus der Sammlung Grete Kaiser sowie, als Leihgabe aus dem Museum Gundelsheim, ein sogenanntes "Lichtertchen" zur Verfügung. Ein "Lichtertchen" ist ein Kerzenleuchter auf einem geschmückten Holzgestell. Über dieses "Lichtertchen" aus der Ausstellung schreibt Otto Depner, dass es die Aufmerksamkeit der Presse- und der Fernsehleute auf sich zog, was dazu führte, dass Hermine Höchsmann in ihrer Wohnung mit einer Kinderschar solch ein Lichtertchen fertigte und die entsprechenden Aufnahmen im Fernsehen gesendet wurden.

Siebenbürger Sachsen
Eckschrank aus Draas von 1896, neubemalt von Grete Schiffbäumer

Im Oktober 1986 wurde im Haus der Heimat die Ausstellung "Deutsche Kultur in Siebenbürgen" eröffnet. Wie bei allen Ausstellungen gab es auch hier einen Einführungsvortrag. Für die musikalische Untermalung sorgte das Trio von Anneliese Barthmes.

Viel öffentliche Beachtung fanden die Ausstellungen im Stuttgarter Rathaus. 1989 wurden im Rahmen der Feierlichkeiten zum 40jährigen Jubiläum der Landesgruppe Fotografien, Originaltrachten und Modelle von Kirchenburgen gezeigt (Erstellung und Organisation Otto Depner). Dabei unterstützte das Kulturamt der Stadt das Vorhaben durch die Übernahme der Druckkosten für das Plakat.

Die Ausstellung "50 Jahre seit der Deportation der Deutschen aus Südosteuropa in die Sowjetunion (Januar 1945)" war vom 13. Februar bis 9. März 1997 gleichfalls im Rathaus zu sehen. Die Tafeln dazu erstellte das Bundeskulturreferat der Landsmannschaft, die Exponate waren Leihgaben des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim, für die Organisation der Ausstellung war Alfred Mrass zuständig. Über diese Ausstellung schreibt Anni Willmann in dem Stuttgarter Wochenblatt vom 20. Februar 1997:
"Es ist eine zutiefst bewegende Ausstellung, in der auch gezeigt wird, wie russische Bäuerinnen und Arbeitskollegen der Deportierten deren Hunger stillen halfen, obwohl sie selbst gerade nur das Nötigste zum Essen hatten."

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Als Zeitzeuge der Deportation spricht Balduin Herter am 12. Februar 1997 über seine Erlebnisse in der Sowjetunion

Anfang der 80er Jahre wurden durch das Kulturreferat Konzerte mit symphonischer Musik eingeführt. Sie fanden in der Regel in dem Studiosaal der Landesgirokasse in der Stuttgarter Königstraße statt:

März 1981
Gedenkkonzert zum 50. Todestag des Komponisten Waldemar von Baußnern

Okt. 1982
Kammermusik aus Siebenbürgen

Okt. 1983
Kammermusik siebenbürgischer Komponisten der Gegenwart: Dieter Acker, Wilhelm Georg Berger, Helmut Sadler, Heinrich Simbriger, Hans Peter Türk

Okt. 1984
Kammermusik mit Kompositionen von Wolf v. Aichelburg, Rudolf Lassel, Paul Richter, Rudolf Wagner-Regeny

Nov. 1985
Kammermusik aus Osteuropa und Siebenbürgen: Bela Bartok, Waldemar von Baußnern, Frederic Chopin, Carl Filtsch, Valentin Greff-Bakfark, Paul Richter, Rudolf Wagner-Regeny

Okt. 1989
Madrigale mit dem Samuel-von-Brukenthal-Chor (Cantores cibiniensis).

Die Fortführung der Kulturtätigkeit in Stuttgart durch die Landesgruppe selbst und durch die Kreisgruppen ist für das Funktionieren unserer Gemeinschaft sehr wichtig. Dabei kommt es entscheidend darauf an, qualitätsvolle Veranstaltungen mit engagierten Mitwirkenden und Helfern durchzuführen. Überhaupt müssen der vor allem in Wirtschaft und Verwaltung allgemein geforderte Begriff der "Qualitätssicherung" und die dazugehörigen Maßnahmen stärker in die landsmannschaftliche Arbeit einbezogen werden.

Um ein vollständigeres Bild der kulturellen Tätigkeiten auf Landesebene zu erhalten, werden nachfolgend die Bereiche Chorgesang und Blasmusik der Kreisgruppen beschrieben.

Der Chorgesang war und ist in den Kreisgruppen der Landsmannschaft stark verbreitet. Er dient der Pflege des siebenbürgisch-sächsischen und des deutschen Liedgutes wie auch der Pflege der Gemeinschaft. Die Gründung der ersten Chöre von Landsleuten erfolgte in den siebziger Jahren, d. h. erst relativ spät nach der Gründung der Landsmannschaft, da die Kreisgruppen anfangs zahlenmäßig noch schwach waren. Die erste Chorgemeinschaft war die Frauensinggruppe der Kreisgruppe Rastatt, die 1974 unter der Leitung von Wilhelm Grail gegründet und kurze Zeit später zu einem gemischten Chor ausgeweitet wurde. 1980 gab es fünf Chöre in Baden-Württemberg. Auf Anregung von Paul Thellmann gründete die damalige Landeskulturreferentin Hermine Höchsmann 1980 einen "Siebenbürgisch-Sächsischen Gesamtchor". Dieser, mittlerweile auf sechs Chöre vergrößert (Schorndorf, Waiblingen, Rastatt, Böblingen, Heilbronn und Freiburg), trat im Jahr 1981 mit 120 Personen unter der Leitung von Werner Schunn bei dem Waldfest in Böblingen und beim Tag der Heimat auf dem Stuttgarter Killesberg auf. Er begeisterte die Zuhörer durch seinen Gesang und seine Trachten (SbZ vom 30.4.1981 und vom 15.10.1981).

Treffen aller Chöre aus Baden-Württemberg fanden am 5. Juni 1988 in Sachsenheim (400 Sänger, SbZ vom 30. Juni 1988) und am 25. Juni 1994 in Trossingen (400 Sänger) statt. Die Höhepunkte der Aktivitäten des Gesamtchores waren die Konzerte unter der Leitung von Gernot Wagner anlässlich der 40-Jahr-Feier der Landesgruppe am 3. Juni 1989 auf dem Killesberg in Stuttgart und am 27. Oktober 1991 bei der Gedenkveranstaltung "850 Jahre Siebenbürger Sachsen" in der Frankfurter Paulskirche.

Siebenbürger Sachsen
Großes Chortreffen in Trossingen vom 25.06.1994 mit den vereinigten Chören von Baden-Württemberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1994 wirkten in den Kreisgruppen aus Baden-Württemberg 15 aktive Chöre bzw. Singgemeinschaften (Bietigheim-Bissingen, Böblingen, Crailsheim, Freiburg, Heilbronn, Karlsruhe, Metzingen, Pforzheim, Rastatt, Rottweil, Sachsenheim, Schorndorf, Stuttgart, Ulm und Waiblingen). Derzeit sind es 17. Dazu müssen noch die Chöre der Heimatortsgemeinschaften Tartlau (gemischter Chor und Männerchor) und Petersberg gezählt werden, die ihr Wirkungsfeld ebenfalls in Baden-Württemberg haben (Böblingen und Kirchheim/Teck). Der größte Chor der Landesgruppe ist mit 75 aktiven Sängern jener der Kreisgruppe Heilbronn, der auch Mitglied im Schwäbischen Sängerbund ist und an dessen Aktivitäten, z. B. den Gauchortagen, teilnimmt.

Das Repertoire der siebenbürgischen Chöre umfasst Lieder aller Gattungen in sächsischer Mundart und deutscher Sprache (Kirchenlieder, Volkslieder, volkstümliche Lieder und Kunstlieder). Gelegentlich werden Lieder in anderen Sprachen gesungen. Das Durchschnittsalter der Chormitglieder ist, wie in vielen Chören, hoch. Deshalb wird es wichtig sein, wie Gernot Wagner, der Leiter des baden-württembergischen Gesamtchores in einem Beitrag über Chöre und Blaskapellen schreibt, "junge Chöre, junge Chorleiter, ein junges Repertoire" zu gewinnen.

Siebenbürger Sachsen
Aufmarsch der Siebenbürgischen Blasmusik Stuttgart auf der Landesgartenschau in Bietigheim am 02.07.1989

Blasmusik, eine traditionelle Form der Musikaktivitäten der Siebenbürger Sachsen, wird in den Kreisgruppen ebenfalls gepflegt. Bewundernswert ist die kontinuierliche Existenz der "Siebenbürger Blasmusik Stuttgart" seit 1951. Sie konnte ihre Tätigkeit 1996 durch eine Konzertreise in die USA und Kanada krönen. Heute gibt es Blaskapellen in Stuttgart, Heilbronn, Böblingen, Sachsenheim und Schwäbisch Gmünd. Dabei unterstehen einige Kapellen sowohl einer Kreisgruppe der Landsmannschaft als auch einer Heimatsortsgemeinschaft (z. B. Sachsenheim-Zendersch, Böblingen-Tartlau).

Der erwähnte ausführliche Beitrag von Gernot Wagner über die Arbeit der siebenbürgischen Chöre und Blaskapellen in Baden-Württemberg ist im Anhang dieses Buches auf der beigefügten CD-ROM zu finden. Ebenfalls dort befindet sich ein Bericht von Otto Depner über die vier Festveranstaltungen im Jahr 1989 zum 40jährigen Jubiläum der Landesgruppe.

Übersicht


2.3.3. Die Arbeit des Frauenreferates

Die Tätigkeit der Landsmannschaft in der Fläche, d. h. an der Basis, hat gemäß Satzung überwiegend einen kulturellen und sozialen Charakter. Dieser Arbeitsgebiete haben sich die Frauen besonders angenommen. Da die Mitglieder der Landsmannschaft etwa zur Hälfte Frauen sind, ergab sich schon früh die Notwendigkeit, die Frauenarbeit als selbstständigen Bereich landsmannschaftlicher Tätigkeit zu organisieren und zu institutionalisieren.

In den ersten Jahren wurden in Stuttgart durch eine Gruppe Frauen unter der Leitung von Friederike Coulin und Paula Kraemer die Adventsfeiern organisiert und durchgeführt. Oskar Kraemer, der damalige Landesvorsitzende, erkannte die Notwendigkeit, ein eigenständiges Frauenreferat innerhalb der Landesgruppe zu schaffen, und bat Elfriede Ihl die Koordination der Frauenarbeit auf Landesebene zu übernehmen und sie auszubauen. Elfriede Ihl wurde 1960 zur ersten Landesfrauenreferentin von Baden-Württemberg gewählt und gründete den Frauenkreis Stuttgart, den Ausgangspunkt der Aktivitäten des Landesfrauenreferates. In den Kreisgruppen wurden in der Zeit der Landesvorsitzenden Fritz Lukesch und Arthur Braedt bei jeder Neugründung bzw. bei Neuwahlen auch Frauenreferentinnen der Kreise gewählt.

Nach Elfriede Ihl leitete ab 1969 Elsa Zimmermann das Landesfrauenreferat bis 1978, danach Erna Zerelles in der Zeitspanne 1978 bis 1989 und Christa Andree von 1989 bis heute. Kein anderer Tätigkeitsbereich der Landesgruppe weist eine vergleichbare Kontinuität in der Arbeit auf. Über fast 40 Jahre, d. h. von 1960 bis 1999, wurde die Arbeit auf Landesebene von den vier oben genannten Damen geleitet.

Eine besonders enge Zusammenarbeit entwickelte sich im Verlauf der Jahre zwischen dem Landesfrauenreferat und dem Stuttgarter Frauenkreis sowie zwischen dem Frauenreferat und dem Sozialreferat bei der Betreuung der Spätaussiedler.

Die Aufgaben und Tätigkeiten des Landesfrauenreferates und der Frauen in den Kreisgruppen bestanden in Folgendem:

– Altenbetreuung in den Kreisen und in dem Altenheim auf Schloss Horneck in Gundelsheim
– Aussiedlerbetreuung in den Wohnheimen und in den Ortschaften
– Erhaltung und Förderung der siebenbürgischen Volkskunst (Vorbeugen des Verlustes alter Techniken, Erstellung neuer Stickereien, Erstellung von Trachten, Möbelmalereien, Keramikgegenständen)
– Sammeln von Gegenständen für das Siebenbürgische Museum, Sammeln von Koch- und Backrezepten
– Erstellung von Paket- und Hilfssendungen nach Siebenbürgen
– Herstellung von Geschenken für verschiedene Anlässe (Advent, Weihnachten)
– Mitgestaltung der Feste der Landes- und Kreisgruppen
– Vermittlung von Kenntnissen über Geschichte und Kultur Siebenbürgens und Baden-Württembergs an siebenbürgische Frauen
– Einführung der Siebenbürgerinnen in die hiesigen Frauenorganisationen und in jene der anderen Vertriebenen.
Um o. g. Ziele zu erreichen organisierte man Tagungen und Besprechungen mit Frauen aus anderen Landesgruppen. Die Arbeit konkretisierte sich in Besuchen, Vorträgen, Ausstellungen, Lehrgängen, Veröffentlichungen, Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen, Teilnahme an Märkten u. a. Maßnahmen. In besonderer Weise bewährten sich Sternfahrten zu bestimmten Zielen, an denen Frauen aus mehreren Kreisen bzw. Landesgruppen teilnahmen, um vor Ort Kulturdenkmäler zu besichtigen, um sich zu treffen und kennenzulernen.

Erwähnenswerte Aktivitäten des Landesfrauenreferats sind die durch Erna Zerelles in ihrer Funktion als Leiterin des Stuttgarter Frauenkreises und als Landesfrauenreferentin organisierten gemeinsamen Besuche der Gundelsheimer Institutionen (Altenheim, Museum, Bibliothek, Archiv) durch siebenbürgische Frauen und Mitglieder des Ortsringes Stuttgart des Deutschen Frauenrings sowie durch die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft heimatvertriebener und geflüchteter Frauen des BdV (BdV-Frauen). Dabei zeigten sich die Nicht-Siebenbürgerinnen von der sozialen Selbsthilfe-Leistung der Siebenbürger im Alten- bzw. Pflegeheim und von der wissenschaftlichen Leistung in Museum, Bibliothek und Archiv sehr beeindruckt.

Weitere erfolgreiche und aufwendige Veranstaltungen waren die Volkskunstausstellungen in Stuttgart (s. Anlage Kulturveranstaltungen), die erste Frauentagung auf Bundesebene 1967 in Stuttgart sowie die Beiträge des Landesfrauenreferates zur Verköstigung der Teilnehmer an der Großveranstaltung "40 Jahre Landesgruppe Baden-Württemberg" vom 3. Juni 1989 und an der Eröffnung der Ausstellung "50 Jahre seit der Deportation der Südostdeutschen in die Sowjetunion" vom 12. Februar 1997.

Über die Atmosphäre bei den Treffen des Stuttgarter Frauenkreises, einer Vereinigung von ca. 60 bis 70 siebenbürgischen Damen aller Altersstufen, berichtet Frau E. Graef in der Siebenbürgischen Zeitung vom 15. Februar 1975:

"Die Bestrebungen, unseren allmonatlichen Zusammenkünften ein geistiges Kernstück einzuverleiben, Informationen sinnvoll zu gestalten, wurden auch im Jahr 1974 durch guten Zuspruch gerechtfertigt. Allgemein betrachtet ist schon die Begegnung mit lieben Landsleuten, die heimatliche Ansprache, welche die unaussprechliche Atmosphäre alter Verbundenheit vermittelt, eine willkommene Zäsur im grauen Alltag. ... Die geschichtlichen, zum Großteil heimatbezogenen Vorträge waren dazu bestimmt, die Belange unserer siebenbürgischen Heimat wahrzunehmen, alte Bräuche aufleben zu lassen, Kenntnisse und Zusammenhänge der Geschichte zu vertiefen und zu neuen Impulsen anzuregen bzw. auch zur Linderung der Nöte in der alten Heimat beizutragen. So wurden auch diesmal (d.h. 1974) aus dem Erlös des vorweihnachtlichen Treffens Spenden an das Sozialwerk, das Heimatmuseum und an kranke und hilfsbedürftige Landsleute dargereicht."

Die Arbeit des Landesfrauenreferates und der Frauen in den Kreisgruppen lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken. Sie ist jedoch für die ganze Landsmannschaft und für das "Fußfassen" der Landsleute von sehr großer Bedeutung gewesen. Der viel höhere Anteil an Jugendlichen und Kindern bei den Veranstaltungen und Trachtenfesten der Siebenbürger Sachsen im Vergleich zu denjenigen anderer Landsmannschaften beweist, dass die siebenbürgischen Familien ihre wichtige Aufgabe des Bewahrens und Weitergebens des kulturellens Erbes gut erfüllt haben.

Ein ausführlicher Bericht von Erna Zerelles über die Arbeit des Landesfrauenreferates und des Stuttgarter Frauenkreises befindet sich auf der beigefügten CD-ROM.

Übersicht


2.3.4. Die Unterstützung der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen durch die Landesregierungen von Baden-Württemberg

Alle bisherigen Landesregierungen haben den besonderen Beitrag der Vetriebenen zum Wiederaufbau des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg und zu der Schaffung des Südweststaates im Jahre 1952 gewürdigt. Für die Aufnahme und die Integration der Vertriebenen und Aussiedler, für die Unterstützung ihrer kulturellen Belange, für die Lösung materieller und organisatorischer Probleme der Landsmannschaften und Verbände wurden im Verlauf der Jahre bedeutende Mittel bereitgestellt. Heute nimmt Baden-Württemberg eine Spitzenstellung unter den 16 Bundesländern in der Unterstützung und Förderung der Aussiedler und Heimatvertriebenen ein und hat z. B. in den Jahren 1995–1998 insgesamt 31.483.440 DM für die Kulturförderung nach § 96 Bundesvertriebenengesetz (BVFG) ausgegeben. Davon wurden 5.069.298 DM für die Förderung konkreter Maßnahmen der kulturellen Breitenarbeit bereitgestellt (s. "Übersicht über die Haushaltsmittel bei Kap. 0330 zur Förderung der Kulturarbeit nach § 96 BVFG, Staatsministerium Baden-Württemberg, 22.6.1998").

Die Landesgruppe der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Baden-Württemberg ist über viele Jahre in den Genuss solcher Fördermittel der Landesregierung gekommen. Für die intensive Tätigkeit auf diesem Gebiet wurde in den Jahren 1995–1998 eine Zuschusssumme von 251.530 DM gewährt. Diesem Betrag an Fördermitteln   stehen anerkannte Ausgaben für siebenbürgisch-sächsische Kulturtätigkeiten von 1.030.031 DM und zuwendungsfähige Ausgaben von 621.286 DM gegenüber, so dass sich ein durchschnittlicher Fördersatz von 40,4 % für die o. g. Zeitspanne ergibt. Neben den Mitteln für die kulturelle Breitenarbeit in Baden-Württemberg, die auf dem Wege der Projektförderung nach § 44 Landeshaushaltsordnung gewährt werden, unterstützt die Landesregierung im Zuge der institutionellen Förderung den Siebenbürgischen Kulturrat in Gundelsheim jährlich mit 125.000 DM.

Jahrelang wurden die Aufwendungen für die Betreuung der Spätaussiedler in den Übergangswohnheimen durch Zuwendungen des Landes ausgeglichen. Eine weitere Unterstützung bekommt die Landesgruppe wie auch die anderen Landsmannschaften durch die Möglichkeit, die Räume im Haus der Heimat in Stuttgart zu nutzen. Die Unterbringung der Geschäftsstelle der Landesgruppe zu sehr günstigen Mietkonditionen und die Bereitstellung der technischen Infrastruktur des Hauses stellen eine indirekte Förderung unserer Landsmannschaft dar. Gleichzeitig hat sich das Haus der Heimat durch die Nutzung seiner Räume für die Proben der Stuttgarter Blaskapelle, des Chores und der Tanzgruppe der Kreisgruppe Stuttgart, der Volkstanz- und Kindertanzgruppe Stuttgart sowie durch die Abhaltung der Vortragsreihe des Öffentlichkeitsreferates zu einem Zentrum der siebenbürgisch-sächsischen Kulturtätigkeit im Großraum Stuttgart entwickelt. Hier werden ebenfalls kleinere Ausstellungen veranstaltet.

Die Unterstützung der kulturellen Breitenarbeit durch die Landesregierung ist für uns Siebenbürger Sachsen von besonderer Bedeutung. Unsere Kulturtätigkeit dient nicht nur der Pflege der Traditionen und Bräuche und damit der Erhaltung des ostdeutschen Kulturgutes. Die Kulturtätigkeit innerhalb der Landsmannschaft und im Kontakt mit hiesigen Gruppen ist ein bestimmendes Element des erfolgreichen Integrationsprozesses. Pflege und Darstellung von kulturellen Werten bilden eine Quelle starken Selbstbewusstseins für alle siebenbürgischen Aussiedler. Und die Tatsache, dass die ehrenamtliche Arbeit der Landsmannschaftsmitglieder durch die Behörden anerkannt und gefördert wird, erleichtert das Überwinden von Schwierigkeiten, von immer wieder auftretender Resignation und gibt Kraft für neue Tätigkeiten.

Übersicht


2.3.5. Der Beitrag der Landesgruppe der Landsmannschaft zur Integration der siebenbürgischen Aussiedler in Baden-Württemberg

Geht man von ca. 200.000 Siebenbürger Sachsen in der Bundesrepublik Deutschland aus (Lexikon, 1993, 478) und wendet zur Ermittlung der in Baden-Württemberg ansässigen den Anteil der Mitglieder der Landesgruppe Baden-Württemberg der Landsmannschaft an der Gesamtzahl der Mitglieder an (30,1 %), so kommt man zu dem Ergebnis, dass in Baden-Württemberg ca. 60.000 Siebenbürger Sachsen leben.

Die wirtschaftliche und soziale Eingliederung dieser Bevölkerungsgruppe in die hiesige Gesellschaft wäre ohne die gezielten Leistungen und Förderungsmaßnahmen des Bundes, des Landes Baden-Württemberg und des Lastenausgleichsfonds, der lange Jahre auch den Aussiedlern zugute kam, zweifelsohne nicht möglich gewesen. Die für Vertriebene und Aussiedler geschaffenen Gesetze, insbesondere das Lastenausgleichsgesetz vom 14. August 1952, das Bundesvertriebenengesetz vom 19. Mai 1953 und das Fremdrentengestz vom 25. Februar 1960 schufen eindeutig das Fundament des Integrationsprozesses.

Dazu kommen jedoch noch die für die Siebenbürger Sachsen und die anderen Aussiedler typischen Eigenschaften wie Anspruchslosigkeit, Fleiß, Sparsamkeit, Zuverlässigkeit, Mut zum Neuanfang, Hilfsbereitschaft und die Existenz einer Gemeinschaft von Landsleuten, die dem Einzelnen hilft und es ihm ermöglicht, sich unter seinesgleichen zurückzuziehen, sobald er die ersten negativen Erfahrungen macht. Diese Gemeinschaft von Landsleuten ist entweder die Kreisgruppe der Landsmannschaft vor Ort oder die Heimatortsgemeinschaft der Bekannten und Nachbarn aus dem Herkunftsort des Aussiedlers. Das Gemeinschaftsleben der Landsleute in diesen Organisationseinheiten bestätigt ihnen das Zusammengehörigkeitsgefühl und vermittelt ihnen ein neues Heimatgefühl.

Die Tätigkeit der Landesgruppe Baden-Württemberg der Landsmannschaft ist über 50 Jahre darauf ausgerichtet gewesen, den Landsleuten flächendeckend einen Rückhalt in der Gemeinschaft zu bieten, ein geistiges siebenbürgisches Dach zu schaffen und dadurch einen Grundstein für die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Integration zu legen. Sie hat dieses im Verlauf der Jahre durch folgende Maßnahmen erreicht:
– Betreuung der Neuankömmlinge in den Übergangswohnheimen
– Begleitung bei Behördengängen und Hilfe beim Ausfüllen von Formularen
– Beglaubigung der Übersetzung von Dokumenten und Urkunden
– Rechtsberatung, insbesondere in Rentenfragen
– sofern möglich, Hilfe bei der Arbeits- und Wohnungssuche durch das Vermitteln von entsprechenden Angeboten
– Organisation von Nachbarschaftshilfe beim Eigenheimbau
– Unterstützung der kirchlichen und caritativen Einrichtungen bei der Vergabe von Möbeln und Hausrat an Aussiedler
– materielle Unterstützung in Fällen von Krankheit und Not
– Organisation von weltlichen und religiösen Festen und Feiern zur Stärkung der Gemeinschaft
– Unterstützung und Organisation der Kulturgruppen zur Pflege des kulturellen Erbes der Siebenbürger Sachsen als Teil des ostdeutschen Kulturgutes
Derzeit bemüht sich die Landsmannschaft, Benachteiligungen der Siebenbürger Sachsen aus einer Änderung des Fremdrentengesetzes im Jahre 1996 rückgängig zu machen. Es handelt sich um die Kürzung der Entgeltpunkte für Arbeitszeiten im Herkunfstgebiet und damit der anteiligen Rente der Aussiedler um 40 %. Diese Aktivitäten sind ein weiterer Beitrag zur Erleichterung der Integration.

Eine spezielle soziologische Untersuchung zur Integration der Siebenbürger Sachsen in Baden-Württemberg liegt leider nicht vor. Meines Erachtens kann jedoch die Eingliederung der siebenbürgisch-sächsischen Aussiedler und gelungen bezeichnet werden. Eine Untersuchung von Peter Roth über die Integration der Siebenbürger im Großraum München ergab, dass gelernte Arbeiter zum Großteil ihre berufliche Position beibehalten, dass Angestellte und Beamte ihre frühere Position größtenteils wiedererlangen, dass der Anteil an Aufsteigenden und Absteigenden sich aber die Waage hält (Roth, 1998, 125). Diese Feststellungen gelten sicher auch für Baden-Württemberg. Dabei wird darauf hingewiesen, dass auch bei den Siebenbürger Sachsen Integration nicht in allen Fällen mit sozialer Akzeptanz einhergeht. Allerdings ist diese aufgrund der Sprachkompetenz der Siebenbürger allgemein wesentlich höher (Vgl. Kapitel 9).

Als Beispiel eines besonders gelungenen Integrationsprozesses wird die Eingliederung der Siebenbürger Sachsen in die Ortschaft Sachsenheim (Landkreis Ludwigsburg) angeführt. In dieser Ortschaft wohnen die Siebenbürger nicht abgeschottet, sondern immer unter anderen Mitbürgern. Sie sind in die bestehenden Vereine eingetreten, machen aktiv mit und bekleiden auch Ämter und Führungspositionen. Zeitweise bestand die Stadtkapelle Sachsenheim zu einem Drittel aus Siebenbürgern. Vor allem der aus Siebenbürgen verpflanzte Brauch des Urzelnlaufens, der auch in der schwäbischen Bevölkerung Fuß gefasst hat, zeigt, dass Vertriebene auch im Brauchtum die Gebenden sein können. Diesen Faschingsbrauch feiern Siebenbürger und Schwaben gemeinsam, die Stadtverwaltung unterstützt die Maßnahme voll, die Urzelnzunft Sachsenheim ist gleichberechtigtes Mitglied in der Vereinigung Schwäbisch-Allemannischer Narrenzünfte, Landschaft Neckar-Alb. Aus Siebenbürgen überlieferte Traditionen und Bräuche leben in neuer Umgebung fort. In dem 1998 neu eröffneten Museum der Stadt ist in der Siebenbürger Ecke neben vielen anderen sächsischen Gegenständen auch eine Urzeltracht ausgestellt.

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